Überschreitung des Figerhorn (2743m), Glocknergruppe (04.08.26)

Freiwandspitze und Glocknermassiv

Wegführung: Kals (Ort, 8.00) – Burg – Felsenkapelle (8.37) – Gipfel (11.20-11.35) – Greibühel (2247m, 12.35-12.45) – Lucknerhaus (13.20)

Höhenmeter: 1450hm | Strecke: 13km | ca. 4 Std. 45 Minuten reine Gehzeit | Murmeltiere, Turmfalke; Tauernblümchen, Edelweiss

Erstmals ein Wanderurlaub, der dezidiert als „Stadtflucht“ konzipiert wurde. Am Tag, wo in Wien erneut 40°C erreicht wurden, fuhr ich mit Bahn und Bus vollkommen problemlos nach Kals am Großglockner, was für die lange Anreise von rund sechseinhalb Stunden Fahrtzeit nicht unfaszinierend ist. Ich quartierte mich im „Haus Charlotte“ unweit vom Gemeindeamt ein. Die sehr freundliche Unterkunftgeberin richtete sich mit dem reichhaltigen Frühstück nach meinen Aufstehzeiten. Für etwas mehr Komfort nutzte ich ein Doppelzimmer für eine Person, dafür mit Balkon und Blick nach Westen. Im Gegensatz zu Innervillgraten (Slogan: „Kommen Sie zu uns! Wir haben nichts!“) war Kals schon recht überlaufen vom Massentourismus, vor allem Deutsche und Holländer. Für mich galt, die weniger frequentierten Wege zu finden, was mir großteils auch gelang.

Das Figerhorn, mein erster (und einziger richtiger) Gipfel der Region, leitet sich von romanisch vicus = Dorf ab. Fig hieß früher der heutige Ort Großdorf. Der Hofname Figer wurde urkundlich bereits 1307 als Zefig (sub vico, unter dem Dorf) erwähnt.

Anreisetag:

Mein erstes Ziel nach dem Einchecken war die abseits von den bebauten Gebieten mitten auf einer Wiese stehende Georgskirche:

romanisches Langhaus, Halbapsis und hoher Kirchturm
schlichte Innenausstattung, mit freigelegten Fresken im Chor, Rundbogenportal nach Süden und älteres Mauerwerk rechts

Die Georgskirche zeigt sich als typische romanische Landkirche um 1200 herum, erstmals erwähnt erst viel später im Jahr 1366. Der gotische Kirchturm aus dem 15. Jahrhundert ist für die Größe der Kirche ungewöhnlich hoch, aber möglicherweise war sie zu dieser Zeit als Wehrkirche gedacht und bot eine bessere Sicht ins Tal hinab aufgrund der Lage hinter einem Hügel. In den 60er und 90er Jahren grub man unter dem Fußboden Spuren eines römischen und frühmittelalterlichen Siedlungsplatzes aus. Im Mauerwerk sind mindestens zwei Vorgängerbauten ablesbar. Zudem wurden romanische Wandmalereien freigelegt. Die Kirche war meiner Erinnerung nach täglich geöffnet und kann daher auch innen gut besichtigt werden.

Kirche mit Seilbahnanschluss
Wetterstation der GeoSphere in Kals (1350m Seehöhe)

Solange die Grabungsarbeiten für die Rohrverlegung andauern, sind die Temperaturwerte der Wetterstation mit Vorsicht zu genießen. Insbesondere die Wetterhütte rechts mit dem Temperatursensor steht zu dicht am dunklen Schutt, was Strahlungsfehler verursachen kann.

einzige Katzensichtung der Woche – Streicheleinheiten wurden durch ein herannahendes Auto vereitelt

Erster Tourentag:

Der vierte August sollte der heißeste Tag seit Messbeginn in Wien werden (41,0°C in Stammersdorf), auch in Osttirol war er brütend heiß. Dennoch entschied ich mich für die Überschreitung mit der vollen Höhenmeterdistanz, denn der Anstieg sollte zunächst im Schatten verlaufen und ich konnte direkt vom Quartier weggehen, und damit auch ein wenig gemütlicher frühstücken, denn der Bus zum Lucknerhaus wäre um 7.30 gefahren.

Track

Statt dem markierten Weg am Waldhang entlang, der dabei ein größeres Eck schlägt, wollte ich der Straße direkt nach Burg folgen. In der Früh galt es keine Zeit zu verlieren, solange es noch kühl war. Schon nach den ersten Metern tat sich ein unerwartetes Hindernis auf, eine über Nacht entstandene Baustelle auf der Straße Richtung Burg, kein Durchkommen für alle Verkehrsteilnehmer. Daher schlug ich doch das Eck (siehe Track), aber wechselte auf halber Höhe zurück zur Straße, wo um diese Uhrzeit nicht allzu viel Verkehr war.

Links Weißer Knopf (2577m) und Blauspitze (2575m), mittig Kendlspitze (3085m) und Ganimitz (2785m), rechts Muntanitz (3232m)

Blick Richtung Großdorf und Chalet-Anlage „Gradonna“

Links Fallwindeskogel (2486m), der seine Bezeichnung wohl aufgrund der starken Nordwinde („Tauernwind“) trägt, rechts Rotenkogel (2762m), im Hintergrund Zarspitze (2778m) links und Schneidegg (2755m) rechts.

Rückblick auf Kals
Georgskirche mitten auf der Wiese oberhalb vom Kalser Bach, romanisches Langhaus, spätgotischer Kirchturm
das 2012 errichtete Chaletdorf „Gradonna“ mit monströsem Turm sorgte für viele neue Arbeitsplätze, aber auch für die Aberkennung von Kals aus der „Bergsteigerdörfer-Initiative“

In Burg, das aus einer Ansammlung von wenigen Höfen besteht, rechts den Burger Bach entlang und dann kam gleich die erste Sehenswürdigkeit, eine in die Felswand gesprengte Grotte, die als Kapelle dient.

erst 1975-1979 errichtete Felsenkapelle, errichtet von Sepp Kerer vom Burgerhof (Hintergrund)
Glocke an der Außenseite

Nach wenigen Kehren verlässt die Wegmarkierung den Forstweg und zieht steil in zahlreichen engen Kehren den steilen Nordwesthang hinauf. Im Schatten war es noch auszuhalten, doch selbst hier spürte ich schon die Vorzeichen der noch folgenden Backofenhitze.

ehemalige Viehhütte unterhalb der Greischneid
Lockerer Wald mit schönem Kammweg unterhalb vom Geierspitz (2102m)

Ich kam zügig voran und erreichte bereits nach 1 Stunde und 37 Minuten und 700 Höhenmetern den locker bewaldeten Ausstiegskamm, wo ich mich einschmierte und kurzerhand das Unterleiberl anbehielt und mein T-Shirt in den Rucksack packte. Eine mäßig gute Idee. Noch nie war mir so heiß wie an diesem Tag, dass ich mit Achselshirt am Berg ging, und entsprechend versäumte ich es, die Rückseite der Schulter einzucremen, was mir einen heftigen Sonnenbrand bescherte.

Beim Hinaustreten auf die ausgedehnten und unbeweideten Greiwiesen (Magerwiesen) wirkte das Figerhorn noch weit entfernt. Zunächst ging kaum ein Lüfterl und ich zerfloss schon beim Gedanken daran, bis zum Gipfel am Südhang aufzusteigen.

Figerhorn (2743m) erstmals in Sichtweite, rechts vorne Greibühel (2247m)
Zoom auf den steilen Gipfelhang

Naturgemäß war ich niemandem begegnet, bis der Steig vom Lucknerhaus kommend einmündete. Von dort kamen doch einige Wanderer. Dabei war die Überschreitung mit dem Bus gut schließbar, selbst wenn man in Burg sein Auto abstellte, aber eben einige Höhenmeter mehr.

Links Schneidegg und darüber spitz Gölbner (2943m, Villgratner Berge), rechts schließen Hochegg (2835m), Regenstein (2891m) und Kugelspitze (2796m) an, zentral Rotenkogel und Gorner, in der Scharte das Kals-Matreier Törlhaus.

Rückblick auf meinen Aufstiegsweg
Gipfel voraus

Dank leichtem Hanglüfterl waren die letzten fünfhundert Höhenmeter zum Gipfel auszuhalten. Ich passierte auch die Figerschupfe, eine Unterstandshütte dreihundert Meter unterhalb des Gipfels. Einen Blitzableiter sah ich nicht – fraglich, ob ich mich darin bei Gewitter viel wohler fühlen würde als unterm freien Himmel.

Figerschupfe (2430m), eine Unterstandshütte
Heiß war es dort

Wegen den hohen Temperaturen und der erhöhten Gewittergefahr an fast allen Tagen verzichtete ich dieses Mal auf die große Kamera (Canon G3X) und nahm stattdessen die kleine Sony RX100 VI. Eigentlich trage ich seit letztem Jahr auch lieber ein Buff statt einen Hut/Kappe, weil es das Sichtfeld nicht so einschränkt und den Stirnschweiß besser absorbiert, aber bei der starken Sonneneinstrahlung war es so vernünftiger. Mich verwundert es dann immer, wie viele Wanderer gar keine Kopfbedeckung bei diesem Wetter tragen.

Blick in die Venedigergruppe mit einer ausgedehnten Altocumulus-Bank darüber (Präsenz eines Höhentrogs).

Im Vordergrund links Hohes Tor (2477m, Scharte), dann spitz Brunnerkogel (2607m) und rechts Bretterspitze (3001m).

im Hintergrund die vergletscherte Rötspitze (3496m), mit Steingrubenkopf (3231m) und Quirl (3251m) rechts daneben, weiter rechts Ochsenbug (3007m), weiter links die Daberspitze (3402m)

Blick in die Lasörling- und Rieserfernergruppe: In mittlerer Reihe am auffälligsten ganz rechts Lasörling (3098m):

in Bildmitte Wildgall (3273m), Hochgall (3436m) und Schneebiger Nock (3358m)

Nicht nur in die Ferne schauend war interessant, sondern auch auf den Boden: So freute ich mich, nach dem 31. August 2025 am Rauchkofel (2460m) erneut ein seltenes Tauernblümchen (Lomatogonium carinthiacum) zu sehen:

unscheinbare kleine weiße Blüte

Der Steig blieb breit, wurde plötzlich aber recht erdig (dunkle Erde) und führte bis an die Abbruchkante heran. Hier mit Blick auf meinen Aufstiegsweg im Wald links, unten sind Großdorf, Gradonna und Spöttling-Taurer erkennbar, sowie die Skipisten vom Kals-Matreier-Skiresort.

Tiefblick ins Burger Tal
steil hinauf entlang der Schneid

Der Anblick täuschte: Der Boden war trotz der Erde recht griffig und ich rutschte später auch bergab nicht. Bei Nässe mag es anders sein. Direkt an der Schneid wuchs auch das seltene Edelweiß, hier schon weitgehend verblüht.

Edelweiss

Zum Schluss am breiten Gipfelkamm hinauf zum Gipfelkreuz, das ich nach insgesamt drei Stunden und zwanzig Minuten Gehzeit erreichte. Die extrem steilen grünen Hänge gegenüber wirkten bizarr, dazu der Gegensatz der glatten Wände links.

Blick nach Osten zur Langen Wand links und Glatzschneid mit Weißem Knoten (2890m) rechts, dazwischen Pfortscharte (2828m).

Im Hintergrund Villgratner Berge (Deferreger Alpen), Rieserferner- und Venedigergruppe. Ganz links hinten zwei alte Bekannte: Weiße Spitze (2962m) und Rote Spitze (2956m) im Villgratental, dazwischen spitz Großer Zunig (2776m).

Sanft abfallender Westhang vom Gipfel, entlang der Foledischnitz (von slawisch voletiščnica = Ochsenpferch) zum Tschenglkogel (2410m), von romanisch cingulum „Rasenband im Felsen“ schmaler werdend (Toponomie zu Kalser Ortsnamen)
Gipfelkreuz aus Edelstahl, 2007 errichtet

So nahe beim höchsten Gipfel von Österreich zu stehen, war mir in meinem bisherigen Bergwanderleben noch nicht gelungen. Die verschiedenen Gesteinsarten und -formen wirkten umso beeindruckender.

Links Hofmannspitze (3722m), Teufelshorn, Großglockner, Hohenwartkopf (spitz) und Lange Wand:

Freiwandspitze (2919m) mittig, links Teischnitztal, rechts Ködnitztal
hinter der Freiwandspitze der Fanatkogel (2905m), dann die Schere (3037m), die Teischnitzkees und Ködnitzkees voneinander trennt

Noch bis in die 60er Jahre reichte der Gletscher vom Grauen Kees etwa bis dorthin, wo die großen Felsbrocken liegen. Heute ist vom Gletscher nichts mehr übrig.

Das Finstere Tal
Zahlreiche Wasserfälle ergossen sich ins Finstere Tal

Am Gipfel spielte es sich inzwischen ab und ich wollte wieder unten sein, bevor die Hitze noch unerträglicher wurde. Also stieg ich langsam ab.

Blick ins Ködnitztal
Rote Schafgarbe

Die riesige Wiesenflanke bildete einen deutlichen Kontrast zu allen anderen Gipfeln der Umgebung.

Abstiegsweg mit dem Kalser Tal zu Füßen

Nach Westen zu zeigten sich gegen Mittag erste Quellungen mit kleinen Türmchen, noch nicht besorgniserregend.

Etwa in Bildmitte der kleine Gletscher (Gradötzkees) unterhalb vom Muntanitz, ganz rechts Aderspitze (2990m)

Ich stieg bis zur Wegkreuzung ab und nahm der Form halber samt Stempel den Greibühel noch mit. Auf der einen Bank konnte man gut sitzen, auf der etwas höheren Bank wurde man von fliegenden Ameisen sekkiert.

Gegenüber ganz links Gridenkarköpfe (3031m), dann Böses Weibl (3119m), Tschadinhorn (3017m) und Schönleitenspitze (2809m), über die Schönleiten schaut der Hochschober (3242m) drüber

Die Schönleitenspitze hatte ich mir auch überlegt, aber das waren ebenfalls rund 1500hm und relativ lang, dafür waren mir die Aussichten zu gewittrig. Das Böse Weibl wäre am letzten Tag gegangen, aber da wollte ich es mir gemütlicher machen. Gipfel gab es noch genug für einen neuerlichen Besuch.

Rückblick zum Greibühel, rechts Rotenkogel und Gorner

Der Abstieg zum Lucknerhaus ist schnell erzählt. Erst eine behäbig abfallende Querung am Wiesenhang, zum Schluss steiler und über eine Kuhweide hinab zum Lucknerhaus. Dort kehrte ich auf der Terrasse ein und konnte einen Anflug einer (Migräne) Aura gerade so noch abfangen mit reichlich Skiwasser (Himbeersoda mit Leitungswasser). War wohl doch etwas zu wenig Flüssigkeit gewesen. Ich aß eine Leberknödelsuppe, die Knödel waren etwas zäh und sättigend. Dann ging ich noch ein wenig am Bach entlang und bis zur ersten Kehre der Mautstraße. Mit dem Hinauf und Hinab kam ich auf die 50 Höhenmeter, die mir auf die 1500hm fehlten. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Der berühmte „Glocknerwinkel“-Blick mit der Lucknerhütte auf der nächsten Geländestufe
Die schroffe Freiwand, rechts mächtige Quellwolken über dem Glockner

Insgesamt hatte ich über zwei Stunden Wartezeit totzuschlagen ohne Netz. Dass ich direkt beim Infohaus des Nationalparks Hohe Tauern freies WLAN hätte haben können, fand ich erst am letzten Tourentag heraus. Unterdessen bildeten sich gegen 13.45, rund 3 Stunden nach den ersten Cumuli, größere Quellwolken östlich vom Ködnitztal. Ggen 14.45 sah ich einen Paragleiter weit oben auf der sonnigen Seite der Quellwolke schweben, geschätzt mindestens vier Kilometer hoch. Warm genug war es ja. Um 15.05 gab es erste Vereisungsansätze (Gewitterwolke).

Ködnitzbach

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Erste Vereisungsansätze um 15.50 Uhr, eine kleinräumige Schauerzelle über den südöstlichen Villgratner Bergen, davor frische Quellungen

Der Regionalbus stand über eine Stunde in der prallen Sonne und weil der Busfahrer erst kurz vor der Abfahrt die Türen öffnete, war es ziemlich stickig beim Einsteigen.

Gewitterzelle im Pustertal bzw. Iseltal westlich von Lienz um 17 Uhr MESZ

Ich kehrte erneut im Ködnitzhof ein und nahm den Backhendlsalat, der aus panierten Hühnerkeulen mit separatem Kartoffelsalat bestand. Zu weit von der Steiermark entfernt anscheinend, war aber ok. Trotz der Höhenlage (1340m) konnte man lange mit kurzen Hosen draußen sitzen. Erst spät, gegen 21 Uhr entstand ein kurzes Gewitter über der Glocknergruppe, das gegen 21 Uhr für einen spürbaren, kühleren Outflow aus dem Ködnitztal sorgte (Ostwind!).

Für die Intensität der Hitze konnte ich sehr zufrieden sein, insbesondere auch mit meiner Kondition. Und ich war sehr froh, rechtzeitig aus Wien „geflohen“ zu sein:

An diesem Dienstag durchbrachen gleich zehn Stationen in Niederösterreich und Wien die 40°C-Marke:

Insgesamt überstiegen mehr als 243 Stationen (89% aller Wetterstationen) in Österreich die 30°C Marke. Selbst auf der Rax (1547m) wurden 29,6°C erreicht.

  1. Wien-Stammerdorf: 41,0
  2. Langenlebarn: 40,7
  3. Bad Deutsch-Altenburg 40,4
  4. Tullnerfeld 40,4
  5. Wien-Innere Stadt: 40,2
  6. Krems: 40,2
  7. Langenlois: 40,2
  8. St. Pölten: 40,2
  9. Wieselburg: 40,1
  10. Kirchberg an der Pielach: 40,0

Doch selbst Osttirol war die Hitze nicht zu unterschätzen:

  • Matrei in Osttirol, 1001m: 32,7
  • Kals, 1352m: 30,0
  • Kals-Figol, 1743m: 26,1
  • Ganotzkogel, 2335m: 19,4

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