
Bei meinem letzten Wanderurlaub in Innervillgraten (siehe Tourenberichte vom Juli bzw. unter „Hohe und Niedere Tauern“) ist mir wieder bewusst geworden, welchen Sonderweg ich als Bergwanderer mit Anfang 40 beschreite. Wie bei der Besteigung der Riepenspitze geschildert, war ich an einem Tag mit einem ehemaligen Ultrabergläufer unterwegs. Wie es ein Wanderfreund treffend ausdrückte: „einen Trailrunner mit einem Naturfotografen zusammenspannen zu wollen, tuad ka guad ned.“
Außer meinen beiden engsten Wanderfreunden kenne ich sonst kaum noch jemanden, der mit einer Nicht-Handy-Kamera am Berg fotografiert. Oder überhaupt mehr fotografiert als nur Schnappschüsse für die Whatsappgruppe. Gerade bei Tiefenschärfe, Details und allgemein Zoomaufnahmen haben Handykameras ein Nachsehen. Gelegentlich hat sie Vorteile bei schlechten oder schwierigen Lichtverhältnissen und bei Makroaufnahmen, aber ein Tier in einiger Entfernung heranzoomen oder einen Gipfel in weiter Ferne gelingt mit der Handykamera nicht. Da bevorzuge ich meine schwere Kompaktkamera, die Canon Powershot G3X, oder die leichte Kompaktkamera, die Sony RX100 VI, beide mit 1Zoll-Sensor. Nur bei erwartbar ganz schlechten Wetterverhältnissen, etwa Dauerregen, reicht mir die Handykamera.
Was aber bedeutet das für meine Touren? Mein Motto lautet: „Neue Gipfel nur bei schönem Wetter. Bekannte Gipfel bei jedem Wetter.“ Wenn ich auf einen mir neuen Gipfel gehe, dann genieße ich die Umgebung, sauge sie auf wie ein Schwamm. Dazu zählt, sofern es Zeitdruck nicht verhindert, häufiges Stehenbleiben mit Fotografieren. Ich gehe meistens flott, aber stoppe kurz für Fotos. Wenn kein Grund besteht, den Gipfel in Rekordzeit zu besteigen bzw. wieder abzusteigen, warum dann die Eile? Die Mehrheit der Bergwanderer heute scheint das anders zu sehen – sie rennen vorbei an den Murmeltieren, am seltenen Steinschmätzer (Vogel), an seltenen Pflanzen, oder übersehen den Steinbock zwischen den Felsen. Sie übersehen aber auch die warnenden Wolkenvorboten am Himmel, die eine Wetterverschlechterung ankündigen. Ob man nun unbedingt fotografieren muss oder einfach bewusster die Natur wahrnimmt, sei jedem selbst überlassen. Ich jedenfalls erfreue mich noch lange an den Bildern, die ich auf jeder Tour mache, und der Recherche mit Liebe zum Detail, die in jedem Tourenbericht steckt.
Ich suche niemanden, der auf die Berge rennt, als gäb’s kein Morgen. Flotte Touren mache ich nur auf meinen Hausbergen, wo mir inzwischen öfter die kleine Kamera reicht, aber selbst da gilt: Wenn man so häufig seine Strecken geht, fallen einem Details irgendwann auf: Ein Stück abgerutschter Weg, ausgeprägte Dürre, frisch aufgefüllte Sandstraße, Pächterwechsel, die Hütte wurde abgetragen, die Orchideen stehen immer am selben Platz, etc. Auch diese Veränderungen fallen mir auf und werden gelegentlich dokumentiert.
Meine Hoffnung ist, dass ich nicht der Einzige meiner Generation (+/-10 Jahre) bin, der Wert auf Entschleunigung legt – der sich bewusst die Zeit zum Stehenbleiben nimmt. Der sich seine Spannung vor Ort erhält, und nicht gleich nachschaut, welche Gipfel in der Ferne zu sehen sind, oder welche Pflanze er fotografiert hat, sondern wartet, bis er zuhause ist, und dann erst nachschaut oder jemanden fragt, der sich auskennt, nicht alles der KI und Ähnlichkeitsalgorithmen überlässt.
Mit der inzwischen absolvierten Grundausbildung als Wanderführer tendiere ich dazu, künftig Touren anzubieten für Menschen, die genau dieses Naturerlebnis suchen – die auch etwas hören wollen zur Geschichte der Region, in der sie unterwegs sind, oder zu meteorologischen Besonderheiten. Mit welchen Rahmenbedingungen ich diese Touren führen will, darüber muss ich noch ein wenig nachdenken. Für mich gilt jedenfalls: „Der Weg ist das Ziel.“




