Lange Ötscher (1893m) – Überschreitung ab Vorderötscherschutzhaus, Ybbstaler Alpen (14.08.26)

Ötscher (1893m) – Gipfel

Wegführung: Vorderötscherschutzhaus (8.20) – Schleierfall (8.40) – Jägerherz (9.30) – Rauer Kamm (11.05) – Gipfel (12.40-13.00) – Ötscherschutzhaus (13.50) – Riffelsattel (14.05) – Spielbichler (14.45) – Vorderötscherschutzhaus (16.10)

Höhenmeter: 1270 | Strecke: 19.7km | Reine Gehzeit: ca. 7 Stunden

Bisher bin ich den Rauen Kamm zwei Mal gegangen: Im Herbst 2014 mit Günter und Übernachtung am Ötscherschutzhaus, damals von Wienerbruck weg. Dann im Herbst 2023 mit Werner von Lackenhof weg als Tagestour. Dieses Mal fühlte ich mich trittsicher und erfahren genug, um den Rauen Kamm alleine zu gehen. Vom Wetter her gab es keinen Zeitdruck, nur das Wasser würde knapp werden. Rückblickend betrachtet hätte ich mindestens vier Liter mitnehmen sollen oder doch versuchen sollen, mit kleinerem Rucksack zu gehen. Aber es ist alles gut gegangen.

Anstelle eines Tracks eine Wegbeschreibung anhand eines Bildes, was ich am Folgetag von der Gemeindealpe aufnahm:

Irgendwie kam ich in der Nacht davor noch auf rund sieben Stunden unzusammenhängenden Schlaf, obwohl zwei Schnarcher im Lager waren (wir waren nur zu viert) und fühlte mich entsprechend fit genug. Zum Frühstück gab es Joghurtmüsli, zwei große Scheiben frisches Brot und Käse, Hummus und Marmelade. Außerdem nahm ich eine Eierspeis dazu. Bis zum Abendessen sollte das meine letzte Mahlzeit sein.

Kurz vorm Aufbruch fragte mich Hüttenwirt Tom noch, was ich vorhatte. Ich sei spät dran, meinte er, als ich ihm von meinen Plänen berichte. Ich bin gut in Form, wird sich schon ausgehen, meinte ich. Zunächst also angenehm im Schatten wieder den Graben hinaus zum Ötschergraben.

Ötscherbach bei der Abzweigung
Gefressener Wegweiser
Schleierfall, zwar nicht ausgetrocknet, aber dünner Wasserstrahl und voller Algen

Der Steig führte danach als langsam ansteigende Querung in einen Seitengraben hinein, querte diesen und dann steil hinauf auf einen Waldrücken. Dann nurmehr flach ansteigend bis zur Forststraße.

vermutlich Steinschwärze durch Cyanobakterien (Blaualgen), mit gelbem Kalksinter

Bei der Forststraße gab es nur einen Wegweiser zum Riffelsattel, nicht aber zum Rauen Kamm. Davon durfte man sich aber nicht beirren lassen.

Gemeindealpe (1626m) links, vorne links Kleines Eichhorn (970m), rechts Großes Eichhorn (1066m), darüber rechts Breimauer (1489m)
Beim Jägerherz – rechts vom Baum zweigte der Steig zum Rauen Kamm ab
Rückblick zum Jägerherz

Nach einem kurzen Waldstück kam schon bald der geschlägerte Bereich, weswegen dieser Anstieg bis Ende Juli gesperrt war. Neben dem Verlust an Bäumen auch ein Verlust an Schatten. Die Sonne knallte schon ordentlich auf den Südhang. Hier traf ich ein junges Pärchen, sonst stieg von dieser Seite niemand mehr auf.

Links Amaißkogel (1255m), dahinter Göller (1766m), am Horizont blass Rax und Schneealm
Steig erkennbar, aber noch nicht nachmarkiert

Das freiliegende Hangstück war zum Glück nicht lang, bald verschwand der Steig wieder auf seiner ursprünglichen Route im dichten Wald. Hier merkte man, dass er längere Zeit nicht begangen werden konnte. Stellenweise war er schon recht zugewachsen. Da gehörte er wieder einmal ausgeschnitten. Es war dennoch erstaunlich, wie lange man im schattenspendenden Wald unterwegs sein konnte, bis etwa 1330m Höhe. Dann verlor sich der Steig allerdings in mehreren schlecht oder undeutlich markierten Abzweigungen.

zugewachsener Steig (Rückblick)
weiter oben wurde der Steig wieder deutlicher, zudem gab es blauweiße Markierungen

Hochschwab-Blick:

Im Vordergrund Buchalm (1483m)

Ebenstein (2123m), Großer Griesstein (2023m), Hochstadl (1919m) und Fadenkamp (1804m), rechts Brandstein (2003m)

Dann lagen die beeindruckenden Bänder aus Dachsteinkalk der Südwand vor mir:

Links der Bildmitte das „Vordach“ des Geldlochs (1446m), Teil des Ötscherhöhlensystems

Beim Geldloch blies ein angenehm kalter Luftzug aus der Höhle heraus, was ich für ein paar Minuten ausnutzte. Seit 1963 ist die Höhle Naturdenkmal und seit 1982 „besonders geschützt“, darf also nur zu wissenschaftlichen Zwecken betreten werden. Bereits im Jahr 1592 gab es eine Höhlenexpedition unter Anordnung von Kaiser Rudolf II. Bis zum Jahr 2000 wuchs die vermessene Ganglänge der Höhle auf rund 10km an.

Eingang zum Geldloch
unterhalb der überhängenden Felswand entlang
Rückblick mit Hochschwab im Hintergrund

Die lange Querung war nicht schwierig, aber stellenweise mühsam mit Schutt. Die letzten Meter zum Kamm waren steil. Nach 2 Std. 45 Minuten erreichte ich schließlich den Einstieg in den Rauen Kamm.

Links am Horizont Schöpfl (893m), langgestreckt Hinteralm mit Hochstaff und Reisalpe, spitz Türnitzer Höger und Unterberg daneben, der Schneeberg vom Wegweiser verdeckt, ganz rechts am Horizont blass Stuhleck

Ein letzter Blick auf meine Aufstiegsseite mit Veitsch und Gemeindealpe rechts.

Im Vordergrund Ochsenkopf (1245m) mit dem teilweise bewaldeten Kamm

In den paar Minuten Pause, in denen ich mir vorsorglich ein Magnesium und Kohlenhydratgel reinhaute, blickte ich nach Norden auf erschreckend braune Landschaften:

Blick ins Erlauftal mit Scheibbs und Purgstall dahinter, im Hintergrund demnach Mühl- und Waldviertel mit Ostrong-Anhöhen rechts
Im Vordergrund rechts Brandmäuer (1277m), links dahinter Turmkogel (1130m), dahinter das Hügelland mit dem Frankenfelsberg im Pielachtal

Die gute Sicht steigerte die Vorfreude auf den Gipfel, denn beim ersten Besuch 2014 hinderten hochnebelartige Wolken an der Fernsicht und 2023 waren es die kanadischen Waldbrände und ausgeprägte Sichttrübungen durch den Rauch.

Rauer Kamm mit dem Ausstieg (noch nicht der Gipfel) rechts

Bei den ersten leichten Kletterstellen wurde ich von einer Trailrunnerin überholt. Neidisch schaute ich auf ihren leichten Rucksack. Bei dieser Hitze war das wohl am vernünftigsten, möglichst schnell mit wenig Gewicht die kraftraubenden Stellen hinter sich zu bringen. Andererseits könnte ich auch fünf Kilo abnehmen und hätte ebenfalls weniger Probleme.

der Felszacken wurde unterhalb umgangen

Nachteil von einer Alleinbegehung: Es gab von mir keine Bilder, wie ich die Kletterstellen meisterte.

Stoffseil im Riss, wer hier drübergehen wollte, man musste aber nicht
Rückblick – bis hierher verlief der Steig noch durchwegs nordseitig des Kamms

Die erste anspruchsvollere Stelle kam hier hinauf, aber ich erkannte intuitiv die besten Tritte und war mit vier Zügen oben.

Stelle bereits im Rückblick

Der mittlere Turm markiert den Übergang auf den schmalsten Kammabschnitt, wo er sich zum Grat verjüngt.

da waren es nur noch drei
relativ direkt auf den zweiten Turm
Mariazell mit Wallfahrtskirche und 500 Meter langer Asphaltpiste (15/33) am Flugplatz (LOGM)

Oben war schon der Ausstieg zu sehen. Zuvor folgte aber die Schlüsselstelle, hier im Vordergrund mit dem Metallkreuz auf dem ersten Felsen. Ich würde sie mit UIAA I+ bewerten, durch Trittstrifte wurde sie entschärft. Man braucht trotzdem etwas Kraft.

An einer Stelle wäre ich beinahe dem ausgetretenen Steig nach links gefolgt, der in einer Sackgasse endete. Dasselbe war mir bereits im Oktober 2014 passiert. Dieses Mal erkannte ich die Stelle aber rechtzeitig wieder.

Als ich den Rauen Kamm mit Werner 2023 ging, hatten wir an einer ähnlichen Stelle kurz vor dem letzten Steilaufschwung zwei junge Frauen mit einem kleinen Hund vor uns, der sich schwertat, über die Kletterstellen zu kommen und dabei Steine lostrat, die in unsere Richtung flogen. Dieses Mal kamen mir zwei Männer mit einem Golden Retriever entgegen, und das auch noch bergab. Der Hund wirkte ängstlich und gestresst, weigerte sich weiterzugehen und setzte sich unterhalb von mir sogar kurz hin. Den Kamm bergab zu gehen wird allgemein schon nicht empfohlen, aber warum musste man das auch noch mit einem jungen Hund tun?

gestresster junger Golden Retriever mit Geschirr, Herrchen mit Helm
letzte Genusskletterei vor dem Ausstieg

Die letzten Höhenmeter waren gar nicht so einfach, an einer Stelle musste ich erst etwas suchen, wie ich am besten drüberkam, meist gab es eine leichtere Variante als auf den ersten Blick erkennbar war.

In dieser Perspektive erkannte man auch die extreme Trockenheit auf vielen Wiesen, sowie manche grüne Flächen etwa bei Annaberg, wo vielleicht ein, zwei Gewitter mehr durchgezogen waren.

Beim Ausstieg mit Rückblick auf den Rauhen Kamm, die Hinteren Tormäuer und Schneeberg rechts hinten

Das letzte Stück zum Gipfel zog sich nun noch etwas, aber der Weg war einfach und die Aussicht bereits traumhaft.

rechts Schneegrube, dahinter Taubenstein
Taubenstein mit verdorrten Voralpen im Hintergrund
bröselige Rinne hinab in die Wagnerritschen, gegenüber Feldwiesalm
am höchsten Punkt mit KT-Stein

Mit Blick auf meine schwindenden Wasservorräte wollte ich mich nicht allzu lange am Gipfel aufhalten, aber einige Zoomaufnahmen ergaben sich doch, ohne dass die zahlreichen fliegenden Ameisen das Objektiv beeinträchtigten.

Dachsteinblick! Mit Großem Koppenkarstein (2863m), mit Schladminger Gletscher, und Hohem Dachstein (2995m), mit Hallstätter Gletscher, in 127km Entfernung.

Gesäuse, Schladminger Tauern und Haller Mauern:

Im Vordergrund das Dürrenstein-Massiv mit dem Noten (1640m) als zweiten Gipfel von links mit der Felswand.

Gesamt-Panorama mit Dürrenstein im Vordergrund

Rottenmanner Tauern und Gesäuseblick mit flachen Quellwolken:

Hochschwab, westliche Ybbstaler Alpen und Eisenerzer Alpen

Trenchtling ganz links (2081m), Hinterer Polster, davor Riegerin, Ebenstein, Großer Griesstein, davor Hochstadl, rechts hinten Gößeck und Eisenerzer Reichenstein

Totes Gebirge und Oberösterreichische Voralpen

Haller Mauern und Grimming:

Hochschwab und Seckauer Tauern

Ennstaler Alpen, Rottenmanner Tauern, Wölzer Tauern

Sonntagskogel links (2229m), Leobner (2036m), Geierkogel (2231m), Lugauer (2217m), rechts blass hinten Steineck (2260m), ganz rechts Bruderkogel (2299m)

Neugierig war ich schon, ob ich zwischen Haller Mauern und Schladminger Tauern noch die Hohen Tauern erahnen konnte. Leider war es dazu im Westen zu dunstig, wo sich auch Quellwolken bildeten.

das, was zu sehen war
mit den Gradationskurven herumgespielt wurde der Gipfel bei maximaler Fernsicht sichtbar

Der Beweis war erbracht: Bei klaren Sichtverhältnissen, etwa in der kalten Jahreszeit oder früh am Morgen, konnte man bis zur Goldberggruppe in den Hohen Tauern schauen. Vom Noten am Dürrenstein sah man den Hocharn ebenfalls in 180km Entfernung.

Rückblick zum Gipfel, rechts hinten Schneeberg
erahnbare Ötschergräben
Dürrenstein mit ebenfalls dürstender Herrenalm

Für den Abstieg zum Ötscherschutzhaus wählte ich den den direkten Abstieg über die Latschen. Holprig mit vielen Wurzeln, teilweise Schutt und Steinen waren alle Weg hinab. Überhaupt fand ich das den mühsamsten Abschnitt, da es ewig dauerte, bis man endlich tieferkam.

Ötscher“schutz“haus

Zu den Öffnungszeiten habe ich mich bereits im Beitrag davor ausgelassen. Ich hoffte vergebens, eine Tränke mit kalten Getränken vorzufinden. Vor dem Haus saßen ein paar, meist junge Wanderer im Schatten und verzehrten ihre mitgebrachte Jause. Die meisten waren offenbar über die Skipiste aufgestiegen. Nach ein paar Minuten ging ich weiter zum ….

Riffelsattel (1283m)

Ab hier betrat ich Neuland. 2014 sind wir weiter zum Kleinen Ötscher und dann über die Feldwiesalm zur Gemeindealpe. 2023 stiegen wir rechts steil die Skipiste ab. Dieses Mal wandte ich mich nach links.

erodierter Steig auf den ersten Metern, konnte über die Wiese umgangen werden

Nach den ersten rutschigen Metern auf dem Wiesenhang setzte sich der Steig bald im Wald fort, wo er in unzähligen Kehren steil bergab führte. Problemlos zu gehen, auch dank der Aufräumarbeiten. Hier lag vom September-2024-Ereignis noch vieles kreuz und quer, aber der Weg selbst war ausgeschnitten.

vom damaligen Starkregen und Sturm umgefallene Eiche, inzwischen eingetrocknet
ehemaliger Gasthof Spielbichler, seit mindestens 1830 betrieben, 1954 geschlossen (alte Ansichtskarte von 1941)
Großer Eichhorn und Gemeindealpe dahinter

Nach der Forstwegkehre schloss sich meine Runde wieder. Nun freute ich mich auf den schattigen Graben. Bei der ersten wasserführenden Stelle kühlte ich erstmal meinen Kopf mit dem nassen Buff. Weiter gings am Schleierfall vorbei zu den Ötschergräben. Ich hatte nun schon richtigen Durst. Im Aufstieg trank ich dann doch ein paar Schlucke aus dem Greimelbach, auch wenn sich weiter oben die Kuhweide befand. Aber die meiste Zeit waren die Kühe ohnehin im schattigen Wald und kamen nur zum Trinken auf die Weide.

Ziemlich geschafft, aber glücklich erreichte ich das Vorderötscherschutzhaus. Die Wirtsleut wollten gerade ihre Pause einlegen, aber ich bestellte vorher „auf Vorrat“ gleich zwei Skiwasser und ein Bier. Tom, der Hüttenwirt, wunderte sich, dass ich schon wieder zurück war, aber ich sagte ja, ich sei schnell unterwegs. Wenn auch unfreiwillig, mit geöffnetem Ötscherschutzhaus oder Getränken hätte es ein bis zwei Stunden später auch noch gereicht.

Bääääääh!
zwei schöne Kühe

Wie am Vorabend kamen die Kühe aus dem Wald getrabt, angeführt von der Leitkuh mit der großen Glocke. Die jüngeren Kälber machten Bocksprünge wie junge Hunde. Beim Bottich tranken sie alle gemeinsam und gingen anschließend zurück in den Wald.

Hirschbraten – Lob an Koch Tom

Insgesamt konnte ich sehr zufrieden sein. Ich hab mich kein einziges Mal unsicher gefühlt am Rauen Kamm, nur ein leichterer (kleinerer) Rucksack wäre von Vorteil gewesen. Am Folgetag dann die nächste Überschreitung über die Gemeindealpe nach Mitterbach am Erlaufsee.

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