Überschreitung der Gemeindealpe (1626m), Ybbstaler Alpen (15.08.26)

Track COROS PACE 4 auf der Open Topo Map

Wegführung: Schutzhaus Vorderötscher (8.30) – Halterhütte „In der Brach“ (10.10-11.00) – Gemeindealpe (11.40-11.50) – Mulisteig – Mitterbach am Erlaufsee Hst. (13.40) | 810hm, 11km | Schwarzspecht

Es fiel mir schon ein wenig schwer den idyllischen Ort zu verlassen, speziell mit dem Wissen, am Abend im 35 Grad warmen Wien aufschlagen zu müssen, aber es half nichts, ich hatte am nächsten Tag Dienst. Was ich definitiv nicht in meine Pläne eingerechnet hatte, war der Feiertag (Mariä Himmelfahrt). Damit war für einen Samstag noch mehr los als üblich. Zudem hoffte ich, in der Mariazellerbahn noch einen Platz zu bekommen. Es ging alles gut, auch weil ich früh dran war und die meisten sowieso bei Wienerbruck wieder ausstiegen.

Link zu Teil 1 – Erlaufklause – Ötschergräben – Vorderötscher-Schutzhaus

Link zu Teil 2 – Überschreitung Ötscher über Rauer Kamm und Riffelsattel

Aufbruch ähnlich wie am Vortag. Dieses Mal hatte ich das Lager für mich alleine gehabt, aber nicht besser geschlafen – wahrscheinlich, weil ich von der langen Tour dehydriert war. Aber am Berg kam ich mit Schlafdefizit besser zurecht als in der Arbeit. Jedenfalls verließ ich diesen paradisischen Platz in der Früh wehmütig. Durchaus schwierig, hier eine Übernachtung einzubauen mangels Tourenmöglichkeiten – wenn, dann eher als bewusste Auszeit, wie es zwei Frauen getan haben, die mindestens zwei Tage und Nächte auf der Hütte verbrachten, um zu entspannen.

Schutzhaus Vorderötscher mit dem Rauen Kamm rechts (am Vortag beschritten)

Im Aufstieg Richtung Gemeindealpe schien der Weg wenig begangen, aber später kamen mir noch einige Wanderer entgegen, die offenbar durch die Ötschergräben zurückgehen wollten.

verwachsene Hangquerung

Die Luft erwärmte sich wieder rasch und der Anstieg wurde zur schweißtreibenden Angelegenheit. Auch weil der Geißriedel zu zwei Dritteln schon länger abgeholzt war und, anders als in der Karte eingezeichnet, damit schon recht viel Sonne abbekam. Dank der fortgeschrittenen Jahreszeit warfen aber die wenigen, freistehenden Bäume lange Schatten und so war es nicht so schlimm aufgrund der Steilheit, wie zuerst befürchtet. Im Unterholz randalierte auch ein Schwarzspecht, der erst wie ein Reh oder eine Gams klang, aber dann aufflatterte und davonflog, als ich näher trat.

was ist mit dem Wald passiert?

Vorteil der nun locker stehenden Bäume war die umfassende Sicht zum Ötscher gegenüber, wo ich meine Runde vom Vortag nochmal in allen Einzelheiten bestaunen konnte. Am Foto ist der Steig zumindest abschnittsweise erkennbar, die weiten Kehren über die Wiesen unterhalb der Latschen links sowie die Ausstiegsquerung ganz rechts.

Rauer Kranzenzian
Kleiner Ötscher und Ötscher, im Vordergrund Großer und Kleiner Eichhorn
steil hinauf
Schutzhaus Vorderötscher
Aufklärungs- und Verbindungsflugzeug des Bundesheeres (Cessna L-19 Birddog), rund 60 Jahre alt

Im oberen Teil wird der Kamm immer schmaler, teils geht man knapp links von den Abbrüchen Richtung Brunnboden.

Ötschergräben links der Bildmitte

Zum Schluss nochmals steile Kehren, dann kam man zu einem Gatter. Das war nicht ordentlich verschlossen, sondern nur angelehnt. Ich hörte es aber weiter oben schon bimmeln und versuchte erst direkt zum Eisernen Herrgott zu queren. Beim Blick über die Wiesenkuppe sah ich dann, dass die „Halterhütte auf der Brach“ bewirtschaftet war – und dazu ein gewaltiges Panorama im Westen. Das war zu verlockend, um gleich weiterzugehen.

Ich war auch deswegen so beeindruckt, weil ich hier noch nicht so gute Sicht hatte. Bei der Schneeschuhwanderung am 4. Jänner 2013 mussten wir bei der Halterhütte abbrechen, weil man vor lauter Sturm und Schneetreiben nichts mehr sah. Genau ein Jahr später war die Sicht etwas besser, aber mit Föhnsturm und Wolkenwalzen trotzdem nicht ungetrübt. Bei unserer zweitägigen Ötscher-Gemeindealpe-Überschreitung reichte die Sicht am 5. Oktober 2014 gerade mal bis zum Dürrenstein [Bild 12]. Die letzte Tour dorthin war am 6. Jänner 2016, wieder Schneeschuhwandern, aber nur anfangs mit Gesäuseblick, ehe bald Schneeschauer die Fernsicht eintrübten. Im fünften Anlauf also perfekte Sichtverhältnisse.

Almenland hier und links, im Hintergrund Hochschwab, Hochstadl und Dürrenstein
Links Eismauer (2180m), dann Hauptgipfel, davor Großer Zellerhut (1639m), rechts G’hacktkogel (2214m) und ganz rechts Zagelkogel (2255m)
Untertisch-Hund

Ich trank zwei Skiwasser und überlegte minutenlang, ob ich etwas essen sollte, aber ich hatte nach dem üppigen Frühstück noch keinen Hunger und es war schon zu warm für eine deftige Jause. Dann kam eine riesige Gruppe von der Gemeindealpe heranmaschiert und es wurde gleichmal etwas lauter. Feiertag, da war doch was …? Eine Mutter mit ihrer Tochter kam vom Weg Richtung Zellerrain zurück, sie seien die falsche Richtung gegangen, sie suchen den Abstieg in die Ötschergräben. Der Halterwirt musste ihnen genau beschreiben, dass sie nur über die Weide bis zum Zaun gehen mussten. Warum verwenden die Leute kein GPS?

Ich ging weiter, durch das offene Gatter, als ich es hinter mir rufen höre. Zuerst dachte ich, ich hätte etwas liegengelassen, aber es war alles da. Das Rufen verstummte nicht und ich ging der Halterin entgegen, die mir entgegenkam. Ich solle das Gatter schließen beim Rausgehen. War ein bisschen schärfer als notwendig und offen gelassen hatte es die Gruppe, zu denen sie komischerweise nichts sagten. Naja, soll sein. Das nicht sachgemäß verschlossene Gatter beim Eintreten hatte ich auch korrekt geschlossen davor. Übrigens ein gutes Beispiel dafür, dass man das Gatter IMMER so zurücklassen sollte, wie man es vorfand. Ist es zu, macht man es wieder zu, egal, wie viele Leute nachkommen. Dann wissen die Nachfolgenden, dass es geschlossen sein sollte. Stille Post und so. Bei mir war es offen und ich gerade im Gedanken und unachtsam beim Durchgehen.

Nach der Überwindung der offenen Gatterschlüsselstelle folgte ein steiler, rumpeliger Abstieg in eine Scharte, die ich offenbar vollkommen verdrängt hatte, aber es war ja auch schon zwölf Jahre her. Dahinter stieg der Weg gleich wieder an.

Brunnboden und Ötscher
Links Großer und Kleiner Griesstein, in Bildmitte Maierangerkogel (2258m) in den Seckauer Tauern

Am breiten Gipfelwiesenkam kamen mir zahlreiche Leute entgegen, es stiegen aber auch einige auf.

breiter Gipfelkamm
Rückblick mit Scheiblingstein und Kleinem Ötscher
Panorama mit besorgniserregend gelben Wiesen im Vordergrund

Blick nach Mariazell links, beim Erlaufsee die markanten Rasingberg (1161m) und der kegelförmige Großer Kainz (1131m). In Bildmitte dahinter Sauwand (1420m) und links dahinter Tonion (1699m), dann die Veitsch ganz hinten und rechts knapp Rauschkogel. Am Horizont links blass Fischbacher Alpen

Erlaufsee, im Hintergrund Mariazell und Veitsch

Die Kühe am Gipfelplateau taten mir leid. Es gab nicht nur kaum noch nennenswertes Gras zum Fressen, sondern es gingen ständig Leute Richtung Gipfelkreuz an ihnen vorbei. Bei der Tür in die Weide stand ein Schild, dass man Abstand zu den Weidetieren halten sollte. Die Frau posierte für ein Foto und streckte dann die Hand zur nähesten Kuh aus. Die Kuh schaute irritiert nach dem Motto „Was will die Frau jetzt von mir?“ Und wandte sich ab, als die Frau sie streicheln wollte. Deutsche Urlauber. Dahinter kamen gleich die nächsten, wieder zu dicht dran. Später wundert man sich, warum Kühe scheinbar grundlos aggressiv werden.

bedrängte Gipfelkühe

Vom Gipfel warf ich einen Blick in die Ötschergräben und das breite Tal bis zum Kleinen Ötscher. Es war schon besonders einsam darin, wenn man erstmal an der Abzweigung zum Vorderötscherschutzhaus weiterging. Aber auch dort (über)lebten sesshafte Menschen und es gab noch viel mehr Jagdhütten als heute.

Ötscher
Mariazell mit Flugplatz LOGM

Aus der Einkehr am Terzer Haus wurde wegen dem Menschenauflauf nichts. Der Abstieg ist schnell beschrieben: Ich hätte mit meiner „Wilde Wunder Card“ von der Unterkunft gratis den Sessellift benutzen können, aber ich bin kein Freund davon. Zudem war der Abstieg überschaubar von den Kilometern. Eine Fahrwegkehre ging ich noch aus, vor mir gingen junge Eltern mit einem schreienden Kleinkind, das nicht absteigen wollte. Ich wich dann auf den Mulisteig aus und war bald bei der Mittelstation. Jetzt konnte ich genauso gut weitergehen. Da leider Feiertag war, war auch beim Gasthof Bäreneck (zu) viel los. Richtig Hunger hatte ich immer noch nicht. Im Abstieg kamen mir weitere Familien entgegen, die in der Hitze ordentlich stöhnten. Aber sie hatten hoffentlich die Abfahrt mit dem Lift vor. Im unteren Teil war es schon drückend warm, dafür lohnte sich der Blick auf die Vegetation:

Bei der Haltestelle Mitterbach warteten dann schon fast zwei dutzend Wanderer auf den Zug. Erst saßen da zwei alte Herren, einer war schon fast neunzig. Sie waren eine Haltestelle zu früh ausgestiegen, wollten eigentlich nach Mariazell. Sie wussten auch nicht, dass es ein Bedarfshalt war und sie den großen Knopf drücken mussten, damit der Zug überhaupt stehenblieb. Aber sie wirkten sehr entspannt, als könnte sie nichts erschüttern. Wenn man ihr Alter erreicht hatte, war es vermutlich auch so.

Ich bekam jedenfalls noch gut einen Platz und behielt ihn auch bis St. Pölten. Dort mit dem langsameren REX nach Hütteldorf, aber das war mir lieber als nochmal zu warten. Im Zug verging die Zeit wie im Flug. Insgesamt hatte sich mein recht spontaner Ausflug mehr als gelohnt.

Hinterlasse einen Kommentar