
Wegführung: Kaltenleutgeben Annagasse (10.42) – Biermeierwiese – Spitzwiese – Höllensteinhaus (11.35-12.30) – Wassergspreng – Gießhübl (13.15-14.00) – Josefswarte/Kammersteinerhütte (14.50-15.45) – Parapluieberg – Rodaun Hst (16.54) | 640hm, 14.7km | 2 Schwarzspechte, 1 Ziesel
Nach dem Semmering-Erlebnis gleich das nächste „Gewitter-Chasing“ zu Fuß und ebenfalls bewusst und gut kalkuliert. Es war von vorne herein klar, dass eine längere Tagestour nicht zur Debatte stand: Kaltfrontdurchgang mit Gewittern und stürmischem Nordwestwind. Die Modelle waren am Abend umgesprungen auf potentielle Flopp-Gefahr in Wien – damit hätte ich im besten Fall ein paar Stunden länger ausreichende Bedingungen, um mich zu bewegen. Mein Plan ging auf und so gab es genügend Gelegenheiten, die besorgniserregende Trockenheit in den Föhrenbergen zu dokumentieren.
Kleine Fallstudie zum „Wiener Lurcheffekt“ auf meinem Wetterblog.
Nach langem Trödeln in der Früh startete ich erst am mittleren Vormittag in Kaltenleutgeben. Gewöhnlich ging ich diesen Weg bergab – es schadete nicht, ihn auch einmal bergauf zu gehen. Zudem einer der kürzesten Zustiege zum Höllensteinhaus.


Nach knapp fünfzig Minuten Gehzeit erreichte ich das Höllensteinhaus, wo gerade Fahrstuhlmusik (Smooth Jazz) aus dem Radio erklang. Der andere Chef („Grausi“) mit seinem Wolfshund war gerade nicht da, leider, hatte mich auf den Hund gefreut. Außerdem gab es nur eine sehr kleine Speisenkarte, hätte ausnahmsweise gerne mal deftig gegessen, so wurde es wieder der gesunde Schafskäsegupf.
Vor dem Essen stieg ich schnell auf die Julienwarte, um mir einen Überblick über die Wetterentwicklung zu verschaffen:
Die ersten Gewitterzellen entstanden programmgemäß über dem Rax-Schneeberg-Gebiet und verlagerten sich dann nordostwärts ins Wiener Becken. Knapp an den Föhrenbergen vorbei. Einer der beiden anderen Chefs bzw. Mitarbeiter klappte die Sonnenschirme zusammen „ich glaube, es kommt was …„, ein Mountainbiker schaute auf seine Wetterapp „es soll um eins regnen, und dann bis drei Uhr durch“ und lachte dazu. Andere Gäste „es war Regen angesagt, aber der kommt anscheinend nicht“.
Ich dachte darüber nach, wie grottenschlecht die „Weather Literacy“ in diesem Land ausgeprägt ist. Allgemeine Wetterprognosen gelten für ein gewisses Gebiet, nicht für einen einzelnen Punkt. Und die vermeintlichen Punktprognosen der Wetterapps gelten ebenfalls für ein gewisses Gebiet, da die hinterlegten Geländemodelle den einzelnen Punkt kaum auflösen können – schon gar nicht im Gebirge. Ein paar Kilometer weiter südlich stimmte die Gewitterprognose nämlich.

Die Quellwolken wirkten nicht sonderlich mächtig, nach oben stark ausgefranst. Ein Hinweis auf die nur mäßige Labilität an diesem Tag. Beim letzten Kaltfrontdurchgang am ersten Juli war die Mächtigkeit der Gewitterwolken höher. So richtig Stimmung wollte nicht aufkommen, eigentlich wollte ich die Gewitterlinie hier abwarten, daher stieg ich nach Wassergspreng ab und nach Gießhübl hinauf.


Beim Aufstieg von Wassergspreng schaute ich aufs Radar, bei Alland hatte sich eine stärkere Zelle gebildet, gleichzeitig rückte die Zelle von Mödling her gefährlich nah an Gießhübl heran. Es donnerte bald näher und lauter und ich legte einen Zahn zu, erreichte aber noch mit komfortablen Spielraum die Schafhütte. Die hat inzwischen einen eingezäunten Gastgarten, während den Schafen von Zeit zu Zeit wieder die ganze Weide gehört.

Draußen unter dem Dach war kein Platz mehr frei, drinnen einer der beiden Tischen frei, aber reserviert. Ein junges Paar wollte sich reinsetzen: „Da ist reserviert, tut mir leid. Sie müssen draußen sitzen.“ – „Draußen ist schlecht. Regen.“ – Kein Einlenken, man hätte sie ja auf den reservierten Tisch setzen können, bis die Gäste kamen. Ich stellte mich mit meinem Bier unters Dach und wartete den Regen ab, der nicht lange anhielt. Dazu frischte der Westwind stark auf.

Wirklich gesund wirkte das Gras auch hier nicht mehr mit vielen braunen Stellen. Im Wald zudem viele verwelkte grüne Blätter am Boden. Von oben kamen zahlreiche, teils sehr durchnässte Wanderer. Ein junges Paar, ziemlich durchnässt, kam von Wassergspreng herauf. Ich hatte sie davor auf dem Höllensteinhaus gesehen. Das hätten sie sich sparen können, denn der Regen dauerte nicht lang, hätte man abwarten können. Der Regen ließ gänzlich nach und ich setzte meine Wanderung fort. Natürlich mit Blick aufs Radar vorher, aber es schien auch gefühlt die Luft heraußen zu sein.





Auf der Josefswarte wehte stürmischer Westwind, mit Spitzen 70-80 km/h. Ich wagte mich trotzdem kurz hinauf, die kühle Luft war herrlich. Im Westen erste blaue Lücken. Das war es tatsächlich schon gewesen, jedenfalls der hochreichend labile Teil. In der Hütte saßen Chefin und Mitarbeiter alle an einem Tisch beim Essen. Ich trat näher. Die Chefin: „Was kann ich für Dich tun?“ – Der Kellner, ohne sich umzudrehen, wie aus der Pistole geschossen: „Bier und Kaspressknödelsuppe“ – Ich grinste und sagte „Fast. Alkoholfreies Bier dieses Mal.“ – Stammgastgefühle machten sich breit. Nach der Suppe noch ein Gemischter Salat, der hier auch sehr gehaltvoll war. Nach einer Stunde Rast ging ich weiter und nahm den Parapluieberg noch mit, weil er am Weg lag.







Am Rückweg regnete es dann auf Höhe Westbahnhof kurzzeitig kräftig mit großen Tropfen, bei der Spittelau war es schon wieder trocken.