Dorfer See über Daberklamm, Nationalpark Hohe Tauern (06.08.26)

Kleinod Dorfer See

Wegführung: Taurerwirt (7.40) – Daberklamm – Kalser Tauernhaus (9.20) – Dorfer See (10.20-10.45) – Kalser Tauernhaus (11.45-13.00) – Taurerwirt (14.15) | 500hm, 17.4km

Nach einer extrem warmen Nacht in Ostösterreich sollte an diesem Tag die Gluthitze einen weiteren Höhepunkt erreichen, ehe so etwas wie eine Kaltfront kam. In Osttirol ging es ein wenig schneller und so hatte ich nur einen guten halben Tag für eine Tour. Daberklamm und Dorfer Tal standen für den „Schlechtwettertag“ auf der Liste, der dann doch lange brauchbar war, aber immer mit dem kritischen Blick zum Himmel. Der war dort auch notwendig, denn es gab keinen Netzempfang. Vielen Wandersmenschen würde ich wünschen, wieder öfter in den Himmel statt in die App zu schauen, aber dazu später mehr.

Track

Wie schon am Vortag startete ich wieder vom Taurerwirt, dieses Mal aber links hinein in die Daberklamm (eigentlich ein Pleonasmus, weil slowenisch deber/daber = Klamm, Schlucht) Gleich zu Beginn informiert eine Tafel über das damalige Kraftwerkvorhaben mit einer 220 Meter hohen Staumauer, die erst durch eine Bürgerinitiative 1987 gestoppt werden konnte (Hintergrund).

Anfangs verläuft der breite Fahrweg relativ eben und steigt dann allmählich an bis zu einem unbeleuchteten Tunnel, der 1950 errichtet wurde. Der Fußweg führt außen herum entlang der Felswand und ist durchgehend mit Holzgeländer gesichert. Bei Regen wird empfohlen, den Tunnel zu benutzen, weil sich sonst Sturzbäche von den senkrechten Felswänden auf den Weg ergießen. Die Zufahrtsstraße ins Dorfer Tal gibt es erst seit den Jahren 1913-1915. Vorher musste das Vieh über die Moaralm und die „Stiege“, einem steilen, glitschigen Steig mit etlichen Stufen oberhalb von der Klamm ins Tal getrieben werden. Über diesen Weg wollte ich eigentlich zurückgehen, hab es dann aber wegen der unmittelbaren Gewittergefahr gelassen.

Daberklamm mit Fußweg
Daberklamm
Steinbrech aus einer Felsspalte.
Blick von der Aussichtsplattform auf den Kalser Bach

Viel war in der Früh noch nicht los. Ein paar E-Biker und wenige Wanderer. Das sogenannte Glocknertaxi fährt auch in das Tal hinein bis Bergeralm und Kalser Tauernhaus. Für den Rückweg müsste man wohl von den Hütten anrufen, denn Netzempfang hatte ich dort keinen mehr.

Kuh im Weg
Über den Hang im Hintergrund verläuft die „Stiege“

Wie die Bilder zeigen, waren hier Reste gewaltiger Murenabgänge zu sehen. Der letzte große Abgang war vor rund neun Jahren, dabei wurde auch die Zufahrtstraße über die Klamm beschädigt (Bildartikel). Das eiszeitlich geformte Trogtal ist durch die Naturbelassenheit aber prinzipiell ein guter „Schotterfänger“. Bei Hochwasserereignissen bleibt der Schotter im breiten Bachbett liegen und wird nicht bis ins bewohnte Tal unterhalb gespült.

ein beschauliches Gebirgstal nahe des Alpenhauptkamms
Vorderes Kastenkees und Laperwitzkees unterhalb vom Eiskögele (3423m), mittig Hoher Kasten (3189m), unten links Sandriegel
Dorfer Tal, links die steilen Flanken des Muntanitz (3232m)
altes Bauernhaus kurz nach der Bergeralm
die Sonne kämpfte sich gerade über die Fruschnitzscharten ins Dorfer Tal
Verschiedene Landschaftsformen komprimiert

Mein Bild des Tages:

Links oben Schneewinkelkopf (3472m) mit Laperwitzkees, rechts Romariswandköpfe (3511m). Der ausgeprägte begrünte Spitz hat keinen Namen, im Vordergrund riesige Steinblöcke im Fruschnitzbach
Der Spitz heißt einfach nur Spitz (2629m)

Nach nur eineinhalb Stunden Gehzeit erreichte ich schon das Kalser Tauernhaus. Das ging flotter als erwartet. Für eine Einkehr wars mir noch zu früh, jetzt schien auch der Dorfer See in greifbarer Reichweite zu sein. Die ersten Cumuli entstanden um 8.45 Uhr, das war wieder eine Stunde früher als am Vortag und deutete auf die erhöhte Feuchtlabilität hin.

Kalser Tauernhaus, dahinter rechts Spinewitrol (2483m)

Der Gipfelname Spinewitrol erschließt sich auf den ersten Blick überhaupt nicht und auf den zweiten auch nicht.

Schwundform < romanisch crispēna putreola ‘brüchiger Stein’ (der Berg liegt inmitten riesiger Trümmerhalden) oder < spina putreola ‘brüchiger Dorn’ (als Geländebezeichnung).

kals.at leben in kals Sprachschichten und Namen

Gleich hinter der Schutzhütte beginnt ein idyllischer Zirbenwald.

Zirbenwald
Wollgras

Zwischen Kalser Tauernhaus und Fäulmoos hörte man den Laperwitzbach, der den gleichnamigen Gletscher entwässert, kräftig rauschen, man sah ihn aber nicht.

Das geschützte Fäulmoos, rechts hinten Zollspitze (3024m)
Habichtskraut

Nach dem Fäulmoos wird der Weg alpiner, bleibt aber noch lange gut zu gehen. Die Landschaft im Bereich eines nacheiszeitlichen Bergsturzes an der Westflanke des Unteren Kastens (2670m) ist bizarr und gleichzeitig wunderschön.

Dorfer Bach
Bergsturzgelände und erste Quellwolken
Das war nicht die „Staumauer“, wie zunächst gedacht
wildromantisch mit dem Unteren Kasten (2670m)

Zum See ging es dann wieder rund zwanzig Meter hinab. Hier war das Gelände schon ein wenig anspruchsvoller mit großen Blöcken, wo man besser nicht danebenstieg.

über große Blöcke

Für all jene, die den Rückweg vor dem Gewitter nicht mehr geschafft hätten, gab es einen geschützten Unterstand unter zwei aneinandergelehnte Felsblöcke:

Notunterstand der Bergrettung Kals

In Bildmitte Zollspitze (3024m), links Salzkogel (2986m), rechts Säulspitze (2956m) und Bretterspitze (2868m).

Blick zurück auf den rustikalsten Wegabschnitt

Der See ist rund 500 Meter lang und 7,6ha groß. Er ist nur rund 10 Meter tief. Der Hauptzufluss kommt von Norden und bildet einen breiten Sedimentfächer im See. Talauswärts tritt der Abfluss erst nach rund 400 Metern wieder an die Oberfläche. Er fließt also unterirdisch unter dem Blockwerk des Bergsturzes durch.

Im Hintergrund links Rotkogel (2656m), rechts Tauernkogel (2683m)

Rechts vom Tauernkogel befindet sich (verdeckt) der Übergang (Kalser Tauern, 2515m) zum Stubachtal auf der Alpennordseite. Gleich hinter dem Pass befindet sich der Weißsee (Stausee) mit der Rudolfshütte.

Der geübte Meteorologe schaute nicht nur auf den See, sondern auch in den Himmel und da zeigte sich gegen halb elf bereits der erste Vorbote für einen gewittrigen Wetterumschwung:

Altocumulus floccus

Die mittelhohen Wolken deuteten Feuchtezufuhr in dieser Schicht an, eine notwendige Zutat für die Gewitterbildung.

Zoom in den Talabschluss mit kleinen Altschneeresten unterhalb des Rotkogels
Idylle pur
niedriger Wasserstand beim Abfluss

Sehr feinkörniger Altocumulus und optisch auch relativ hoch oben, das hieß hochreichende Feuchtezunahme.

Ac flo II

So schön es hier war, aber die Gewittervorboten konnte ich nicht negieren, und es lagen etliche Kilometer vor mir bis zum Talausgang. Ich trat daher leise den Rückzug an. Währenddessen kamen mir noch zahlreiche Leute entgegen, manche gingen auch weiter Richtung Tauernpass, mit Tagesrucksack.

Letzter Blick auf den See
Cumulus humilis und Ac flo zum Dritten
Über der Granatspitzgruppe und im Hintergrund über den Villgratner Bergen türmten sich schmale, aber hochreichende Aufwindbereiche
Wasserfall vom Laperwitzkees
zahlreiche Wasserfälle vom Laperwitzgletscher
Stotzbachwasserfall

Eine Rast am Kalser Tauernhaus sollte sich trotzdem noch ausgehen. Ich ergatterte den letzten Schattenplatz und füllte meine Elektrolyte wieder mit Skiwasser auf. Das Essen war gut, ich hab nur vergessen, was. Nebenan saß eine japanische Familie, junge Leute. Das Mädchen schien über den Kaspressknödel mit Sauerkraut nicht begeistert zu sein und tat sich schwer beim Essen. Der Vater hatte die Jausenplatte genommen mit einem ordentlichen, langen Stück Speck. Er fing an zu schneiden, da kam der Wirt und erklärte ihm, er solle längs schneiden. Die Übersetzung kam offenbar nicht ganz an. Er schnitt kleine Würfel und kämpfte beim Essen. Ein deutscher Gast daneben erklärte ihm auf Englisch, weshalb er längs schneiden sollte, dann war es leichter zum Kauen und geschmacklich weniger fettig. Sie lachten beide. Eine schöne Szene. Gegen 13 Uhr beobachtete ich die ersten Vereisungsansätze bei den kräftigen Quellungen im Süden und entschied mich zu gehen.

mächtige Quellwolken mit Eisansatz links (Cumulonimbus calvus)
Wasserfall vom Muntanitzbach
müde Kühe

Als ich den Beginn der Klamm erreichte, türmten sich auch taleinwärts mächtige Quellwolken, sowie klare Ambosswolken Richtung Granatspitze. Zu diesem Zeitpunkt gab es zwischen Matrei und Kals schon erste Entladungen.

viele Leute stiegen trotz Gewitterwolken noch auf

Unterwegs begegnete ich vielen Familien, teils mit kleinen Kindern, die noch weiter aufsteigen. Relativ weit unten in der Klamm ließ eine Familie eine Drohne aufsteigen. Zu diesem Zeitpunkt näherte sich von Südwesten schon das Gewitter. Wo war der Hausverstand? Schauten die Leute wirklich nur auf die Wetter-App, nicht mehr in den Himmel?

Um 14.20 Uhr war ich wieder am Ausgang vom Dorfer Tal und vernahm ein deutliches Donnergrollen. Mit Blick auf das Satellitenbild wurde mir schnell klar, dass sich der Abstieg zu Fuß nach Kals nicht mehr ausgehen würde.

Gewitterwolke im Hintergrund und Feuchte in allen Höhen.

Ich saß das Gewitter daher beim Taurerwirt auf der regengeschützten Terrasse aus. Laut Blitzortung gab es zahlreiche Blitzentladungen im Kalser Tal. Ich hatte alles richtig gemacht. Was ich nicht wusste und mir SCOTTY vorenthielt: Es gab bereits um 15.06 einen Bus zurück nach Kals, nicht erst um 16.06. Zwei Wanderer wussten es, sie standen vor mir auf und gingen zur Haltestelle. Aber egal, es war ganz nett zu sitzen und ausnahmsweise rauchte niemand.

Dieses Mal hatte ich keine Lust auf eine weitere Einkehr nach dem Mittagessen und holte mir beim nahen Supermarkt einen Vinschgerlaib – ein flaches Roggengewürzbrot aus dem Vinschgau – So grandios wie in Innervillgraten war es zwar nicht, aber gemeinsam mit Tiroler Graukäse war es trotzdem gerade richtig. So aß ich auf dem Balkon und schaute zu, wie der „Tauernwind“ boraartig über das Hohe Tor zwischen Kendlspitze und Blauspitze strömte.

Gewitter mit Bora über Hohes Tor
Starker Regen im Dorfer Tal, aber nicht in Kals
bedrohliches Himmelsbild

Rückblickend betrachtet ging sich zeitlich alles genau vor den Gewittern aus. Viel Spielraum war nicht. Mit einer geführten Gruppe hätte ich die Rast im Tauernhaus wohl kürzer ausfallen lassen. Gelohnt hatte es sich aber definitiv. Überhaupt eines der schönsten hochalpinen Täler, das ich bisher beschritten habe.

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