Kaiserstein (2061m) ab Losenheim-Talstation, Schneeberg (18.08.11)

neue Gewitterzelle im Südwesten, Eisschirm der aufgelösten Zelle im Nordosten (nach der Tour fotografiert)

Wegführung: Losenheim (9.00) – Edelweisshütte (10.30) – Ausstieg Fadensteig (12.35) – Gipfel (13.45) – Tunnel Zahnradbahn (15.15-16.15) – Puchberg Bf. (18.00) | 1190hm, 16km |

Nach dem unfreiwilligen Gewittererlebnis am 16. August 2010 in den Haller Mauern sollte es mich fast genau ein Jahr später erneut am Berg treffen. Diese Erfahrung setzte einen Nachdenkprozess in Gang, dessen konstruktive Folgen sich bis heute auswirken. An jenem Tag waren von den Wettermodellen keine Gewitter vorhergesagt.

Es erwischte dabei nicht nur mich, sondern auch zwei Bekannte am Hochtausing (1823m), Totes Gebirge, beim Begehen eines C-Klettersteigs, sowie zwei Freunde am Admonter Reichenstein, Gesäuse, ein herausfordernder Gipfel mit schwierigen Abkletterstellen (II) sowie einer sehr abschüssigen Platten-Querung. Beide Gipfel waren kein Gelände, um ein Gewitter überstehen zu müssen.

Ich hab meinen damaligen Wanderbericht nochmal überarbeitet und neue Erkenntnisse einfließen lassen.

Ich kam mit einem verspäteten Regionalzug in Puchberg am Schneeberg an, wodurch der Anschlussbus nach Losenheim nicht warten konnte. Neben mir waren noch zwei weitere Wanderer betroffen, sodass wir uns für vier Euro ein Taxi teilten. Einer der beiden wollte ebenfalls den Fadensteig hinauf, sodass wir die Route großteils gemeinsam gingen und erst im Abstieg trennten, als ich mit dem Gewitter im Nacken nicht weiter absteigen wollte. Meiner Erinnerung nach war er im Einkauf bei dem ehemaligen Elektronikhändler Cosmos tätig, die ein Jahr vorher Konkurs angemeldet hatte. Er erläuterte mir die Gründe für den Absturz, es war sehr interessant.

Wolkenloser Himmel im Aufstieg zur Edelweisshütte
Fadensteig
Almreserlhütte (1222m) auf der Putzwiese, dahinter Gutensteiner Alpen und Dunst im Wiener Becken
im griffigen Fels fühlte ich mich wohler als auf den steilen Schotterkehren
nach den ersten kurzen Kletterstellen kam der schweißtreibende Aufstieg am Schutthang in der prallen Sonne

Im Hintergrund sah man bereits ausgedehnte Altocumulus-Bänke, die Feuchtezufuhr in mittleren Höhen andeuteten.

etwas abschüssige Querung mit Blick auf den Kuhschneeberg links und Handlesberg gegenüber
Rückblick auf die lange Querung, im Schatten eine seilversicherte Kletterstelle, die im losen Schutt rechts umgangen werden konnte
Tiefblick auf den grünen Stritzelberg
Ausstieg aus dem Fadensteig

Das war damals erst die zweite Begehung des Fadensteigs überhaupt. Zuletzt war ich sieben Jahre vorher dort im Zuge eines Wien-Besuchs, jedoch ohne Kondition und generell nicht gut ausgerüstet. Seitdem bin ich den Fadensteig insgesamt sechs Mal gegangen, darunter einmal abgestiegen.

Die Fernsicht reichte an diesem Tag bis zum Gesäuse, zu den westlichen Ybbstaler Alpen und zu den Haller Mauern. Neben den ersten flachen Quellwolken reichten einzelne Quellungen schon deutlich in die Vertikale (z.B. über der 1 und 10). Im Hintergrund nach wie vor Altocumulus-Bänke.

1 Hochtor, 2 Admonter Reichenstein, 3 Sparafeld, 4 Planspitze, 5 Tamischbachturm, 6 Großer Buchstein, 7 Hochstadl, 8 Fadenkamp, 9 Hexenturm, 10 Scheiblingstein und Großer Pyhrgas

Feuchtigkeit war auch am Hochplateau sichtbar, bzw. am Osthang zum Puchberger Becken hin. Bannerwolken entstehen durch Überströmung von Gipfeln im Lee, wenn durch den Unterdruck Luft aus der Tiefe angesaugt wird und beim Aufstieg bis zur Wolkenbildung kondensiert. Sie können stundenlang ortsfest bleiben, solange sich an der Anströmung und Feuchteverteilung nichts ändert.

Bannerwolke am Kaiserstein

Im Norden wurde der Altocumulus nun unübersehbar. Ich interpretierte ihn fälschlicherweise als „stabile Schichtung“, weil er sich vertikal kaum ausdehnte. Tatsächlich stand er für Feuchtezufuhr und Anwesenheit eines Höhentrogs, und das war im Hochsommer nie ein Zeichen für Stabilität.

Cumulus humilis und Altocumulus stratiformis im Norden, 13.10 Uhr MESZ
zunehmende Quellwolkenentwicklung in der Umgebung und Altocumulus

Die Wetterlage in Mitteleuropa war geprägt von einer westlich-südwestlichen Höhenströmung mit Zufuhr von schwülen und labilen Luftmassen. Über Benelux lag ein flaches Bodentief. In die Höhenströmung eingelagert war eine Delle (Seitentrog), blau markiert die Trogachse. Die Wettermodelle haben zwar die Delle gerechnet, aber keinen Niederschlag dazu.

500hPa Geopotential, Temperatur und relative Topographie, Bodendruck am 18. August 2011, 20 Uhr MESZ (wetter3.de)
Aufstieg von Wien um 14 Uhr (Quelle: kachelmannwetter.com)

Das Vertikalprofil zeigte im Flachland eine unüberwindbare Absinkinversion an (zwischen 1000 und 2500m Höhe), darüber war die Luft allerdings hochlabil geschichtet. Die spärlichen Wetterdaten von dem Tag zeigen feuchtere Luftmassen inneralpin als im Wiener Becken. Dadurch konnte die Inversion mit der Annäherung des Troges überwunden und die Labilitätsenergie freigesetzt werden.

am Gipfel um 13.45 Uhr MESZ – schwach linsenförmige mittelhohe Wolken und teils senkrechte Cumuli über dem Semmering-Wechsel-Gebiet

Bei der südwestlichen Höhenströmung war mir bewusst, dass Gewitter über der Rax zwangsläufig Richtung Schneeberg weiterziehen konnten.

gleicher Zeitpunkt hinter der Rax: mächtige Quellwolken (Cumulus congestus)
14.15 Uhr: stärkere Quellwolken-Entwicklung nun unmittelbar südwestlich vom Schneeberg

Wir verließen gemeinsam noch die Fischerhütte (ohne Einkehr) gegen 14.30 Uhr MESZ und stiegen teils über den Fahrweg, teils über den Wiesenhang zum Damböckhaus ab. Als wir die Elisabethkirche bei der Bergstation der Schneebergbahn erreichten, hatte sich der Himmel über der Rax dramatisch verfinstert. Richtung Schwarzatal konnte ich eine kleine Böenwalze entdecken, die Wolken zogen nun mit sichtbarer Geschwindigkeit nordostwärts Richtung Schneeberg. Die nächste Unterstellmöglichkeit war die Haltestelle Baumgartner, aber gut eine Dreiviertelstunde entfernt. Das Donnergrollen kam näher und wurde häufiger. Damit war klar, dass das Gewitter viele Blitzeinschläge produzierte.

Ich machte meinem zufälligen Wanderpartner keinen Vorwurf, dass wir trotzdem abstiegen. Für mich persönlich wäre es vernünftiger gewesen, in der Bergstation Schutz zu suchen, bis das Gröbste durch war. Mein Erlebnis in den Haller Mauern war mir noch zu sehr präsent, um darüber hinweggehen zu können, und auch auf der Wilden Kreuzspitze eine Woche vorher war es knapp geworden. Dort starben zwei Wochen vorher zwei Alpinisten durch den positiv geladenen Blitz bei einem kräftigen Gewitter am Vormittag. Hinzu kam damals meine Unerfahrenheit in dem Schottergelände. Im Abstieg war ich nicht so schnell wie erfahrene Geher, schon gar nicht bei Nässe.

Wir trennten uns gegen 15.15 Uhr im Abstieg etwa auf halber Strecke dort, wo der Tunnel der Zahnradbahn eine Öffnung aufweist. Bis dahin sahen wir sogar noch Wanderer im Aufstieg. Ich suchte dort Schutz vor dem Regen und den Blitzen. Da ich Gewitter nicht am Schirm hatte, befand sich nur die platzsparende Soft Shell Jacke im Rucksack und nicht die robuste Regenjacke (damals: Jack Wolfskin Hard Shell, sehr warm). Ab und zu musste ich, gewarnt durch die hupende Lok, der Bahn ausweichen, da wir gemeinsam nicht in den engen Tunnel passten. Es folgte ein rund einstündiger Nervenkitzel, während dem ich hoffte, dass das Gewitter nicht länger andauerte, und ich eventuell gar im Dunkeln absteigen müsste. Es gab immer wieder Donnergrollen, regnete dazu aber nur leicht. Richtung Puchberg war der Himmel nur leicht bewölkt, auch nach Südosten hin lockerte es auf. Gerade im Randbereich von Gewittern war man wegen der großen Ladungsdifferenz zwischen Ambosswolke (positiv geladen) und Erdboden (negativ geladen) aber nicht zwingend vor heftigen Blitzeinschlägen geschützt. Das Gewitter zog jedenfalls erkennbar weiter und die Sonne zeigte sich wieder.

Während ich im Tunnel abwartete, kamen zwei Mal Berggeher im Abstieg vorbei, die mich halb verwundert, halt belächelnd ansahen. Damit muss man leben. Ich überholte zwei Franzosen, ein Vater mit seinem Sohn in Turnschuhen, die sich auf dem nassen Boden schwertaten. Ich folgte einem weiteren Berggeher, der fragte, worauf ich denn gewartet hätte. „Bis sich das Gewitter abschwächt.“ – Das sei doch schon längst nach Nordwesten weitergezogen. Dann raste er mir davon. Bei der Haltestelle Baumgartner traf ich die Waldviertlerin wieder, der ich bereits beim Ausstieg vom Fadensteig begegnet war, und wir stiegen gemeinsam am Fahrweg entlang der Zahnradbahn bis ins Tal ab. Etwa nach einem Drittel der Strecke wurde es erneut finster, leichter Regen setzte ein und das Donnergrollen nahm wieder zu. Aber es hielt soweit Respektabstand, dass bei mir keine Angst aufkam.

Um 18.38 fuhr der Zug ab, unterwegs sah man Reste von Gewitterwolken. Die Luft im Wiener Becken war viel zu trocken und zu stabil, als dass die Gewitteraktivität aufrechterhalten werden konnte.

Gegen 18.20 Uhr MESZ: In Wohlgefallen aufgelöste Gewitterwolken
Reste der Gewitterwolken verhungerten über dem südlichen Steinfeld

Epilog

Mehrere, teils starke Gewitterzellen entstehen zwischen Hochschwab und Schneeberg

Radarbilder der Austro Control

Man sieht, dass sich anfangs ein mäßig starkes Echo über der Schneealpe befand, das sich in weiterer Folge deutlich verstärkte und zur Rax weiterzog. Um 15.15 MESZ befand ich mich am Nordrand einer kräftigen Zelle, die um 15.35 MESZ ihren Höhepunkt erreichte. In weiterer Folge schwächte sich das Echo allmählich ab, ehe nach 17.00 MESZ nochmals eine kräftigere Zelle nordostwärts zog, sich dann aber auflöste, ehe ich den Zielort erreichte. Laut Blitzkarte vom Nachmittag gab es sehr viele Entladungen entlang der Steirisch-Niederösterreichischen Kalkalpen. Nur wenige hundert Meter nordwestlich und südöstlich meine Unterstands gab es mehrere Blitzeinschläge.

Abzuwarten, bis das Gewitter nachließ, war also durchaus vernünftig. Besser wäre gewesen, das Gewitter an der Bergstation abzuwarten (und ggf. mit der Schneebergbahn ins Tal zu fahren). Mit genügend Trittsicherheit wäre sich der Abstieg bis Haltestelle Baumgartner auch noch zeitlich ausgegangen.

Die entscheidenden Wolkenvorboten waren in diesem Fall die ausgedehnten Altocumulus-Bänke am Vormittag. Sie können ausschließlich während durchziehender Höhentröge entstehen. Die Kombination aus hochsommerlich warmen und labilen Luftmassen, Feuchte in mittleren Höhen und nennenswerte Höhenströmung erhöht die Gewitterwahrscheinlichkeit, egal, was die Modelle zuvor gezeigt haben. Zugleich zeigt dieses Erlebnis auf, dass bisweilen die Gefahr besteht, sich zu verquatschen und die Umgebung weniger wahrzunehmen, und dann Risiken einzugehen, die man alleine nicht eingegangen wäre.

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