
Wegführung: Anger (10.00) – Ruine Waxenegg (10.20) – Waldtoni (11.45) – Gschnaiderkreuz (12.15) – Wittgruberhof (12.30) – Gipfel (13.30-14.00) – Edelschachen (Gasthof Almer, 15.50-17.10) – Anger (18.10)
Höhenmeter: 900 | Strecke: 14,1km | Reine Gehzeit: ca. 5,5 bis 6 Stunden | Orchideen; Heidelerche
Weite Anfahrt für eine Tagestour von Wien aus! Wolfgang hatte die zündende Idee und dem schloss ich mich mit Blick auf die Wetterkarten gerne an:
Die Wetterlage war für Mitte Juni eher ungewöhnlich: Eine straffe Nordwestströmung in allen Höhen am Rande eines Hochdruckgebiets mit hochlabiler Warmluft im Süden und etwas kühleren, aber weiterhin labilen Luftmassen im Norden. Die Wettermodelle zeigten bis zum Vorabend höchst unterschiedliche Ergebnisse: ICON D2 rechnete fast keinen nennenswerten Niederschlag, bzw. maximal bis Mur-Mür-Furche reichend. GFS rechnete etwas mehr, aber nur insgesamt nur sporadische Signale. EZMWF blieb unverrückbar bei weit nach Südosten ausgreifenden Schauern, Zetz und Kulm sollten dabei etwa die Grenze bilden. Im Rückblick stimmte nicht der Durchschnitt aller Modelle, sondern das EZMWF-Modell, wie bereits am Vortag und auch am Folgetag. Die Kombination aus starkem Nordwest und labilen Luftmassen schien allgemein keine Stärke des Lokalmodells D2 zu sein. Kann man sich merken.
Beim Wegfahren in Wien regnete es noch mäßig, aber in feinen Tropfen, lockerte aber bald auf. Wir querten das Regenschauerband im Bereich des Wechselgebiets (über die Südautobahn bis Hartberg und dann über Stubenberg weiter nach Anger).

Nach genau zwei Stunden Fahrtzeit kamen wir in Anger an. Für mich war die Strecke ab Hartberg Neuland – sehr beeindruckend, sehr hügelig, fast mediterran von der Vegetation, dazwischen ausgedehnte Apfelplantagen – das erinnerte mich ein wenig an Südtirol. Außerdem von Bedeutung: Die Gegend um Stubenberg wird häufig für Ballonstarts genutzt und in der Arbeit berate ich öfter Ballonfahrer zu den Windbedingungen. Ähnlich wie im Waldviertel gar nicht so trivial, vorherzusagen, ob der Wind greift bei so stark zergliedertem Relief.
Kurz vor dem Weggehen sah mich Wolfgang noch fragend an: „Einen Schirm brauche ich heute wohl nicht?!“ und ich verneinte sofort. Etwa fünf Minuten später ergoss sich ein kurzer Schauer über uns.

Zu Beginn verläuft der Weg in den Zetzbachgraben hinein. Schon da sah ich erste Fuchsknabenkräuter am Wegrand stehen. Dann eine scharfe Kehre nach rechts und links zweigt der markierte Weg zur Ruine ab.



Dahinter begann der markierte (Hohl-) Weg über einen Rücken hinauf. Kurz vor dem Holzerbauern öffnete sich der erste umfassende Blick nach Süden. Das im Vordergrund ist übrigens nicht der Raasberg, wie fälschlicherweise angenommen, sondern ein namenloser Vorgipfel weiter östlich.

Man sah aber noch viel weiter, am Horizont rechts schälte sich ein Höhenzug aus dem Dunst. Mein Anfangsverdacht bestätigte sich zuhause:


Noch vor dem Gehöft bogen wir scharf links ab, weil wir eine Schleife nach Süden drehen wollten (mit knapp hundert Höhenmetern Verlust). Das war vielleicht besser so. Beim Hof warnte ein Schild vor einem „jungen freilaufenden Hund“. Der spärlich markierte Forstweg wirkte wenig begangen, hatte dafür interessante Flora zu bieten:

Diese Orchidee ist eher selten anzutreffen. Zuletzt sah ich sie im Vorjahr am Haberlerkogel (südlicher Gahns).


Kurz vor dem alten Bauernhof Waldtoni zog ein stärkerer Regenschauer durch. Zugegeben fluchte ich innerlich, da meine Prognose offensichtlich zu optimistisch war und die feuchtere EZWMF-Variante eintraf – mit weit nach Südosten ausgreifenden Schauern.

Gleichzeitig wurde auch Wien von einem Gewitter gewässert, wo stellenweise innerhalb von zehn Minuten 7mm fielen. D2 hatte in der Früh ein schmales Niederschlagsband angedeutet. Hier stimmte die Prognose.

Die gemessenen Vertikalprofile zeigten bei Graz in der Früh einen potentiell instabil geschichteten Höhenbereich bis rund 500hPa, mit ausgeprägteren Absinkinversionen bis 700hPa herab. Deswegen waren die meisten Schauerzellen, die von Nordwesten her überschwappten, nicht sehr hochreichend. In Wien war die stärkste Schauertätigkeit zu diesem Zeitpunkt schon vorbei, sehr trockene Absinkluft herrschte in den mittleren Schichten. Darunter aber noch stärker labil. Gut vorstellbar, dass die Gewitterzellen 8-9km Höhe erreicht hatten davor. In beiden Fällen herrschte eine straffe Nordwestströmung (Windscherung).
Der verlassen wirkende Bauernhof hatte dafür genügend Ablenkung zu bieten:




Das nächste Gehöft Gschnaidt wurde rechts umgangen (frische Markierungen). Beim Aufstieg entlang der Wiese zum Gschnaiderkreuz ein letzter Regenschauer, der sich aber bald verzog.



Die folgenden rund 360 Höhenmeter zum Gipfel am bewaldeten Südhang wurden nach oben hin immer steiler und waren durchaus rumpelig mit wurzeldurchzogenem Boden. Bergauf jedenfalls leichter als bergab zu gehen.


Nach insgesamt dreieinhalb Stunden erreichten wir den geräumigen, hier wenig ausgeprägten Gipfelkamm.






Der eingezäunte Gipfelbereich am Kulm mit Kreuzweg und Glockenturm wird heute militärisch genutzt (mobiler Radarstandort) und ist zeitweilig nicht zugänglich. Auch sonst gibt es wegen Gebietsstreitigkeiten nur begrenzte Zugangsmöglichkeiten. Die spätbarocke Kapelle wurde 1746 errichtet.




Die Vegetation am Gipfelkamm war durchaus vielfältig, überhaupt mehr Gras als fader Wald.

Die Föhnbewölkung wurde immer ausgeprägter in der guten halben Stunde am Gipfel.

Mein persönlicher Favorit aus einer Reihe von Gipfelperspektiven:

Bei klaren Sichtverhältnissen wäre das Gößeck genau hinter der Rote Wand sichtbar gewesen.

Schon am Gipfel hatte ich mich gewundert, woher eine Gruppe von Wanderern die Bierflaschen hatten – extra auf den Gipfel geschleppt? Wohl kaum. Die Auflösung gab es ein paar Meter weiter entlang des breiten Gipfelkamms:

Die sogenannte Zetzschachtel hatte neben einer Sitzbank auch einen großen Kühlschrank zu bieten. Und sogar einen Whatsapp-QR-Code, wo man einer Gruppe beitreten konnte, um den Füllzustand des Kühlschranks zu melden.

Der Gipfelkamm hinüber zur Zetz (1274m), den wir aus Zeitgründen ausließen, verjüngte sich zu einer schärferen, grasbewachsenen Gratschneide mit Abbruch nach Osten. Das war viel interessanter als ich von der Karte her gedacht hätte. Möglicherweise hätte sich der Übergang zum Hauptgipfel doch noch gelohnt.





Der nachfolgende Abschnitt war stellenweise etwas rumpeliger durch die nicht beseitigten Schäden vom September 2024 – aus dieser Zeit lagen noch viele Bäume quer.



Dann querten wir eine Ziegenweide. Der Bock hatte uns schon von weitem gesehen und beäugte uns argwöhnisch. Zum Schluss siegte dann aber die Neugier:



Nach dem Gehöft folgten wir dem Asphaltsträßchen (Steinbauerweg) mit prächtigem Panorama nach Süden:






Außer einem Familientreffen waren wir die einzigen Gäste. Das Essen war vorzüglich. Normalerweise bin ich kein Freund von paniertem Fleisch, aber hier passte es. Nach gut eineinhalb Stunden Rast brachen wir auf.



Und selbst der letzte Abschnitt im dichten Wald zurück zum Ausgangspunkt gestaltete sich kurzweiliger als gedacht. Der Steig schlängelte sich in engen Windungen um tiefe Gräben herum den Hang entlang.



Hinter der Kirche Kulm und Külml (563m):

Wir nutzten den Tag bis auf das I-Tüpfelchen aus und fuhren über das Feistritztal und Birkfeld zurück. Hier verlief die ehemalige Feistritztalbahn, heute teilweise abgetragen und als Radweg genutzt, teils als Museumsbahn erhalten. Über St. Kathrein am Hauerstein ging es weiter über das Alpl ins Mürztal. Ich bin den Pass bei unserer Schneeschuhtour auf den Teufelstein (1498m) im Feber 2023 schon gefahren, hatte aber keinerlei Erinnerung mehr daran. Der Blick über den tief eingeschnittenen Freßnitzgraben zum westlichen Hochschwab war beeindruckend mit dem warmen Licht der Abendsonne.
Durch eine Autopanne im Tunnel Steinhaus am Semmering wurden wir gezwungen, die alte Passstraße über den Semmering zu nehmen – auch das für mich ein neuer Abschnitt. Gleich hinter Steinhaus quert die Bundesstraße den Ziereckbach in Hanglage. Hier sah man noch eine alte Brücke, die zwischen 2000 und 2010 stillgelegt, aber nie abgetragen wurde. Sie war teilweise schon zugewachsen und Kühe grasten am Rand von ihr. Ein surrealer Anblick. Die alte Passstraße wurde nach Eröffnung der S6 rückgebaut.

Ein rundum gelungener Tagesausflug, den ich öffentlich nie erreicht hätte – zumindest nicht an einem Tag.