Botanischer Spaziergang bei Alland, Wienerwald (01.05.26)

Mannsknabenkraut (Orchis mascula)

Am Maifeiertag ging ich erstmals bei einer botanischen Exkursion des Alpenvereins (Reini Böhm-Raffay) mit, um mein zunehmendes Interesse an der Botanik etwas professioneller in die Praxis umzusetzen. Aus hoffentlich nachvollziehbaren Gründen werde ich von unserer Runde nahe Alland keinen Track einstellen. Leider gibt es immer noch Menschen, die geschützte oder seltene Pflanzen ausgraben. Manche Standorte werden sich möglicherweise aus der Perspektive heraus ergeben, aber ich verwende keine Ortsangaben, um sie leichter erraten zu können.

Strecke: 6,5km | Höhenmeter: 330 | Dauer der Exkursion: ca. 8 Stunden

Wir trafen uns um 09 Uhr s.t. beim Ausgangsort, der mit der Linie 265 von Mödling Richtung Rehazentrum Alland erreichbar war. Nach erneut leichtem Nachtfrost sollte es ein milder, überwiegend sonniger Tag werden. Im Schatten und mit Wind war es allerdings recht frisch. Die Bewölkung wurde später noch interessant.

Seltsame Hühner

Wir kamen von Beginn an nicht schnell voran, denn an den trockenen/halbtrockenen Böschungen des Güterwegs wuchsen bereits interessante Arten:

Die obere Wolfsmilch ist dieselbe Art, hat aber eine andere, auffällige Wuchsform. Der Grund dafür ist ein Brandpilz, der Rostpilz (Uromyces pisi), der das natürliche Wachstum der Pflanze manipuliert (mehr dazu hier).

Zypressen-Wolfsmilch (Euphorbia cyparissias)
Berg-Klee (Trifolium montanum)
Gelbe Sommerwurz (Orobranche lutea)

Bei den Orobranchen dachte man früher, sie würden zu den Orchideen gehören, aber es ist eine eigene Gattung. Es handelt sich um eine parasitäre Pflanze, die gerne auf Kleearten oder Hülsenfrüchten parasitiert. Sie bildet kein klassisches Rhizom aus, sondern saugt aus den Wurzeln der Wirtspflanze die Nährstoffe und Wasser.

Schwalbenwurz (Vincetoxicum hirundinaria)

Zudem wuchs die Blaurote Steinsame, die so heißt, weil das weiße Samenkorn steinhart und nicht zerdrückbar ist. Bei den mehrfarbigen Blüten (ebenso Frühlingsplatterbse und Lungenkraut) gilt:

Farbwechsel (Sauer/Basisch): Die Blüten des Lungenkrauts wechseln ihre Farbe von Rosa/Rot zu Violett/Blau. Dies ist ein Indikator für den pH-Wert im Blütengewebe: Die jungen, roten Blüten sind sauer, während die älteren, blauen Blüten basisch (alkalisch) werden. Der Farbwechsel signalisiert bestäubenden Insekten wie Hummeln und Wildbienen, dass die blauen Blüten weniger Nektar enthalten als die frischen, roten.

Wenn man die blauen Blüten in Ameisenhaufen legt, reagieren sie mit Ameisensäure und werden wieder rosa.

Vemutlich Befall mit Lindengallmilbe (Eriophyes tiliae) – stiftartige Wucherungen (Gallen) – mehr dazu hier
Purpur-Knabenkraut (Orchis purpurea)
Blüte

Kurzer Einschub zum Wetter:

Bereits am Vormittag fielen diese ausgeprägten Linsenwolken (Altocumulus lenticularis, bzw. Stratocumulus lenticularis) auf.

sogenannte „Föhnfische“ über dem Wienerwald und südlich davon
stehende Föhnwolke („mountain wave“)

Sie entstehen durch Gebirgsüberströmung. Im Luv steigt die Luft auf, wenn sie auf ein Hindernis trifft, und die Luft kühlt mit 1 Grad pro 100 Meter Höhe ab, ehe sie das Wolkenkondensationsniveau erreicht (= Wolkenuntergrenze). Hinter dem Hindernis sinkt die Luft im absteigenden Ast der Welle ab, was das stromlinienförmige Aussehen ergibt.

Wetterballonaufstieg von Wien (Hohe Warte) am 1. Mai 2026, 14 Uhr MESZ (Quelle: kachelmannwetter.com)

Der Graph zeigt den vertikalen Temperaturverlauf von Temperatur (rot) und Taupunkt (grün) vom Boden bis in die Stratosphäre (über 12km Höhe, blaue Werte auf y-Achse). Rechts sind zudem die Windfiedern (Richtung und Geschwindigkeit in Knoten) dargestellt. Der Aufstieg zeigt um die Mittagszeit eine gut durchmischte Grundschicht vom Boden bis genau 2km Höhe (optisch wie ein umgedrehtes V) und eine feuchte Schicht zwischen 2km und ca. 2,5km Höhe, wo Temperatur und Taupunkt nahe beieinander sind (hohe relative Feuchte). Das ist die Schicht, in der sich die Wolke ausbildete (Stratocumulus). Darüber ist die Luft deutlich trockener, wenn auch nicht extrem trocken (ermöglicht zudem lockere mittelhohe Wolken: Altocumulus). Der Übergang zur trockeren Schicht ist durch eine Temperaturinversion gekennzeichnet (kurzzeitig wärmer mit der Höhe).

Der Wind weht unterhalb der Inversion schwach bis mäßig aus Nordwest (10-15kt, ca. 15-25km/h), darüber lebhaft aus Nordost. Oberhalb von 6km Höhe werden Windgeschwindigkeiten von 90km/h und mehr gemessen. Der Wind dreht also mit der Höhe von Nordwest auf Nordost – man spricht hier von einer Rechtsdrehung mit der Höhe, und damit Warmluftzufuhr mit der Höhe (Stabilisierung). Daher handelte es sich um klassische Schönwetterwolken ohne Gefahr von Regenschauern. Die Föhnströmung entstand durch die Westkomponente unterhalb der Inversion. Der Wienerwald erreicht maximale Höhen von 893m (Schöpfl), also deutlich unterhalb der Inversion. Damit passte die Anströmung, um niedrige Leewellen zu erzeugen. Das erklärt, weshalb die föhnartige Wolkenstruktur (lenticularis) bis ins Stratocumulus-Niveau hinabreicht. Inneralpin sind sie meistens höher.

Unscharfe Blüte, aber erkennbare Blätter: Kriechender Günsel (Ajuga reptans) hat eher gezackte Blätter, während Genfer Günsel (Ajuga genevensis) stärker gekerbte Tragblätter hat
Aufmerksamer Hofhund (wahrscheinlich ein Leonberger, eher selten)
Wiesen-Bocksbart (Tragopogon pratensis)
Reini schaut sich einen Trockenrasen-Hang an, der durch eingebrachtes Düngemittel vom Bauern in Mitleidenschaft gezogen wurde
Kirschbaum links (quergestreifte Rinde), rechts Hainbuche (feuerartig gestreifte Rinde), weiter rechts dahinter Eiche (schöner Mischwald)

Kirschbäume mitten im Wald deuten darauf hin, dass dieses Gebiet früher eine Weide war und gerodet wurde.

Türkenbundlilie (Lilium martagon) am Waldrand – die Rehe fressen gerne die Knospen, bevor sie blühen
Blasses Knabenkraut (Orchis pallens)
Kunstinstallation auf einem Forstweg oberhalb eines Bauernhofs – leider wurden die einzelnen Objekte nicht beschriftet
Berberitze (Berberis) – giftig bis auf die reifen Beeren
Mondviole (Lunnaria annua)

Dazu noch gelernt: Wenn Bärlauch blüht, wird so viel Energie in den Blühvorgang gesteckt, dass sie nicht mehr so intensiv riechen.

Gentiana verna (Frühlingsenzian) vor Blühbeginn
Dreizähniges Knabenkraut (Neotinea tridentata)
Helm-Knabenkraut (Orchis militaris)

Auch wenn auf dieser Wiese im Bestfall bis zu zwanzig verschiedene Orchideenarten blühen und wir nur sehr wenige blühende Individuen gefunden haben, viele noch im Knospenstadium oder davor, war es für mich sehr lehrreich zu wissen, wie die Orchideenblätter aussehen. So war es ausgesprochen schwierig, die Wiese abzugehen, ohne Orchideen versehentlich zu zertreten. Deswegen hat es durchaus seine Berechtigung, dass man geschützte Orchideenwiesen nur auf den dafür ausgewiesenen Wegen betritt, da man mitunter gar nicht bemerkt, was man am Boden alles zertritt.

Daher führte uns Reini jeweils in 4er-Gruppen im Gänsemarsch zu den Fundorten, damit nicht die ganze Wiese zertreten wurde.

Der Grund für die geringe Blüte an dem Tag waren verschiedene Faktoren: Der kalte Frühling, die extreme Trockenheit und eingebrachte Düngemittel bzw. Beweidung durch den nahegelegenen Bauernhof.

Putzige Katzenpfötchen (Antennaria dioica)
Helm-Knabenkraut mit junger Blüte
Holunder-Knabenkraut (bereits zertreten worden)
weiteres Mannsknabenkraut

Von den Weißen und Grünen Waldhyazinthen gab es noch keine Blüten und von mir aufgrund schwieriger Lichtverhältnisse auch keine Bildaufnahmen.

Elsbeere

Neben dem Elsbeerenbaum verköstigte uns Reini mit einem Elsbeerenschnaps vom Feinkostladen („Vom Fass“). Als geschmackliche (aber vermutlich auch preisliche) Steigerung kann ich den Elsbeer Brand des Biohofs Mayer bei Michelbach (Wienerwald) empfehlen. Er hat im Abgang einen feinen Marzipangeschmack und ist für den hohen Alkoholgehalt gut verträglich (in Maßen genossen, versteht sich). Die Beeren müssen von Hand gepflückt werden und der Ertrag ist relativ gering, deswegen die hohen Preise.

Gelbes Holunder-Knabenkraut
vmtl. Knöllchen-Steinbrech (Saxifraga granulata)

Kannte ich bisher nur im alpinen, felsdurchsetzten Gelände (z.B. Fetthennen-Steinbrech), hier am Waldrand auf der Wiese wachsend.

Schönwetterwolken über dem Wienerwald, in Bildmitte Anninger
Lonely Tree
Von der Sonne angestrahlt: Buchberg (478m), Vorderer Haunoldberg (471m), Kritschenkogel (464m), Bischofsmütze (515m)
Gemeine Pimpernuss (Staphylea pinnata)

Im Abstieg auf einer Wiese kamen wir noch bei einer Nassgalle vorbei, wo Grundwasser an der Oberfläche austritt (Quelle). Dort wuchs die ….

Pannonische Platterbse (Lathryrus pannonicus)

mit Untermieter ….

Junges Wespennest
Wollgras (Eriphorum spec.)

Am Rückweg kamen wir wieder beim Hendl-Freigehege vorbei:

Gockel und Bull Terrier – ein schräger Anblick
Neugierige, aber keineswegs aggressive Hendlart

Wahrscheinlich gar keine so schlechte Idee, Nutztiere vor Füchsen und Wölfen zu schützen.

Fazit: Viel gelernt, wahrscheinlich auch viel wieder vergessen, aber ein bisserl was ist hängengeblieben und dafür danke ich unserem Guide! Nebenbei auch angenehmes Plaudern mit den anderen TeilnehmerInnen.

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