
Wegführung: Rodaun (12.35) – Heide – Saugraben – Josefswarte (582m, 13.50) – Steinbruchsee (14.15) – Ruine Kammerstein (14.50) – Franz-Ferdinand-Haus (532m, 15.00-16.15) – Rodaun (16.50)
Höhenmeter: 610 | Strecke: 11.8km | Reine Gehzeit: ca. 3 Stunden
Eigentlich wollte ich Rad fahren (die im Herbst gekaufte Winter-Radhose wartet auf ihren ersten Einsatz), aber entschied mich angesichts deutlicher Plusgrade und Sonnenschein lieber für eine Wanderung statt den kühlenden Fahrtwind. Durch das spontane Entscheiden vergaß ich, die Speicherkarte vom USB-Kabel abzuziehen und in die Kamera einzulegen. Die große Kameratasche hatte ich auch nicht dabei, da lag die Ersatzspeicherkarte. Also schleppte ich die 700g schwere Canon umsonst mit. Entsprechend dieses Mal nur Handyfotos.
Am Vormittag schickte ein Kollege vom Hundsheimer Berg ein Bild vom flach hereinziehenden Nebel aus Südosten, über den sogar die Windräder noch drüberschauten.

Bis ich in Rodaun starten konnte, wanderte der Nebel schon vom Seewinkel bis Wiener Neustadt herein. Damit verbunden ein deutlicher Temperaturrückgang. In den Nebelgebieten herrschte Dauerfrost mit -1 bis -2°C, in den sonnigen Regionen entlang vom Wienerwald milde 6 bis 8 Grad. Entsprechend ein Druckgefälle zum Alpenostrand hin von 2-3hPa auf rund 50km Entfernung.

Beim Aufstieg kam mir eine ältere Frau mit Hund entgegen, die neben dem Weg im laubgefüllten Gerinne ging, weil es so glatt war. Ich zog gleich zu Beginn die Spikes auf. Dabei riss mir bei einem Teil leider der Gummi hinten. Sie hielten noch, aber trotzdem ärgerlich, wenn sie nicht mal einen Winter halten. Ich hab sie immer trocknen lassen nach dem Gebrauch.

Ich folgte der vereisten Höhenstraße bis zu einer Kehre, wo der Steig Richtung Saugraben abzweigt. In der Kehre stand ein junger Vater mit Straßenschuhen und Kinderwagen. Seine Frau schon weiter oben. Er schob den Kinderwagen hinauf und rutschte dabei gelegentlich weg. Ich schüttelte den Kopf über so viel Gedankenlosigkeit.
Vom Saugraben ging ich gleich am Kamm weiter und querte unterhalb der Hohen Mais (516m) zum Forstweg, der südwestlich der Kammersteinerhütte hinaufzieht. Erstaunlich große Hundespuren, vielleicht ein Wolf? Ich hätte ein Foto machen sollen vom Trittsiegel, um das Tier zu bestimmen.

Um kurz vor zwei war ich auf der Josefswarte.

Der Nebel war inzwischen bis Bad Vöslau (Flugplatz LOAV) vorgedrungen und hatte auch Wien schon von Osten erreicht.



Mit dem einfallenden Nebel gab es vielerorts einen markanten Temperaturrückgang um 5 Grad und mehr. Mein Höhenmeterdurst war noch nicht gestillt. Zudem verwendete ich das erste Mal einen Herzfrequenz-Brustgurt und wollte weitere Daten sammeln. Ein Freund hatte davor schon Bilder vom Abstieg zum Steinbruchsee geschickt mit dickem Eispanzer und das wollte ich mir selbst anschauen. Gesagt, getan.


An der Engstelle bei den Kletterwänden war das Eis zentimeterdick und spiegelglatt. Mit Spikes kein Problem, aber dennoch musste man konzentriert steigen, um sich richtig ins Eis krallen zu können. Das war schon mehr ein Gletscher als profanes Eis.
Beim See ist der Zaun mittlerweile entfernt worden. Theoretisch kommt man ohne Probleme zum Ufer und auf den See. Praktisch kontrollierte an dem Tag ein Wildschutzbeauftragter der Gemeinde Perchtoldsdorf, ob das Verbot, das Naturschutzgebiet (zugleich Privatgrundstück) zu betreten, eingehaltet wurde.


Seit 1996, genau hundert Jahre nach der Eröffnung der Fabrik, wird in den Steinbrüchen der Föhrenberge kein Kalkstein mehr für Zementherstellung abgebaut (Bilder von damals). Auf Bild 13 sieht man die ehemaligen Anlagen dort, wo sich heute die Wohnanlage der Stadt Wien in unmittelbarer Nähe zur Stadtgrenze befindet.

Hinter der ehemaligen Zementfabrik steigt der markierte Steig über die Ruine zum Kamm auf. Nun in der vegetationsfreien Zeit sah man die alten Gemäuer besser. Sie stammt vermutlich von Chemerstain, nach Otto II. von Perchtoldsdorf („Kämmerer von Österreich“) und wurde um 1240-50 erbaut und 1286 bereits zerstört.
Das folgende Forstwegstück wies den dicksten Eispanzer auf, den ich je gesehen habe. Ohne mehrzackige Zacken keine Chance.

Nun wurde es meteorologisch spannend: Minuten vorher meldete ein Bekannter, dass innerhalb von Minuten Nebel aufgezogen war. Ich schaute mir das von der Terrasse des Franz-Ferdinand-Haus an: Es war eine regelrechte Hochnebelwand und optisch wirkte es wie Fallstreifen aufziehender Schneeschauer an der Vorderkante der Nebelfront.

Die Bestätigung erhielt ich am Folgetag im Dienst, denn ein Kollege hatte „glitzernden Niederschlag“ mit dem Nebelaufzug gefilmt. Physikalisch betrachtet fungierte die Nebelfront als Kaltfront (barokline Zone), mit entsprechender Hebungszone an der Vorderkante. In der Nebelwolke war das Wasser unterkühlt, möglicherweise durch die Hebung induzierter Bergeron-Findeisen-Prozess (Eiskristalle fällen unterkühlte Wolkentröpfchen auf). Oder die vor der Kaltluft lagerten Staubaerosole lagerten sich an die unterkühlten Wolkentröpfchen an. Spannend jedenfalls, siehe Mitternachtsaufstieg.


Der Vorhersageaufstieg, der repräsentativ für das Nebelgebiet ist, zeigt eine scharfe Inversion in 2000ft amsl (ca. 600m Höhe), darunter schwacher Südostwind, darüber zunehmender Südwestwind. Eine dritte Möglichkeit für ausfallenden Niederschlag sind Kelvin-Helmholtz-Wellen durch die vertikale Windzunahme und wärmere Luft über kälterer Luft, möglicherweise waren mehrere Niederschlag bildende Prozesse beteiligt.
Auf der Terrasse traf ich dann einen 50jährigen Mann mit bunter Mütze und 12 Jahre alter Husky-Hündin, die sichtlich nicht das tat, was er wollte und neugierg an mir schnupperte. Im Redeschwall war er kaum zu unterbrechen, dabei erfuhr ich, dass er immer Vogelfutter dabei hatte und damit seine Runden über die Föhrenberge zog. Erstmals seit vielen Jahren wurde ich wieder einmal gefragt, ob ich aus Deutschland komme. Ich setzte mich dann in die Hütte und sah dort das junge Paar mit dem Kinderwagen. Ich schätze, sie dürften einige Kommentare erhalten haben für ihren waghalsigen „Ausflug“. In den wenigen Minuten seit meiner Ankunft nebelte es die Terrasse vollkommen ein, weshalb ich meine Rast ein wenig ausdehnte. Eine Frau fragte, ob alle Abstiege so eisig sein würden. Die anderen hatten großteils Spikes dabei wie ich. Aber andere hatten es doch aufgrund der deutlichen Plusgrade unterschätzt.




Im Abstieg traf ich dann niemanden mehr. Der Gegensatz zum sonnigen Mittag war frappant.