
Wegführung: Ghf. Feuerstein Hst. (1281m) – Innsbrucker Hütte (2370m, Übernachtung) – Kalkwand Abbruch; Habicht (3277m) – Ghf. Feuerstein Hst.
Höhenmeter: ca. 2100 | Strecke: ca. 15km | Gehzeit: 3 Std. Aufstieg zur Hütte, 4,5 Std. Aufstieg Gipfel, 3 Std. 50 Minuten Abstieg ins Tal
Gemeinsam mit meinem Studienkollegen Nik erfüllte ich mir einen lang gehegten Traum, zum Einen meine erste Hüttenübernachtung, zum Anderen mein erster 3000er. Rückblickend sollte der Habicht fast neun Jahre lang mein höchster Gipfel bleiben, erst am 25. Juli 2018 schaffte ich es im Zuge einer geführten Alpenvereinswoche auf den noch höheren Saykogel (3355m), der technisch etwas leichter als der Habicht ist.
Unser Plan sah vor, am ersten Tag auf die Innsbrucker Hütte zu steigen und die Kalkwand (2564m) in der Nähe noch mitzunehmen. Am zweiten Tag dann der Gipfel und Direktabstieg ins Tal.
Tag 1: Innsbrucker Hütte und Kalkwand (Abbruch)
Um 8.46 starteten wir vom Hauptbahnhof, mit der S-Bahn bis Steinach am Brenner und weiter mit dem Bus ins Gschnitztal bis zur letzten Haltestelle, wo wir pünktlich um 9.42 ankamen. Erstmals war ich mit dem großen Tourenrucksack (40L) unterwegs, dessen Tragekomfort ich bald zu schätzen wusste. Der Aufstieg zur Innsbrucker Hütte machte keine Kompromisse: In unzähligen Kehren sehr steil hinauf. Da es sich um einen Südhang handelt, war es um diese Uhrzeit in keiner Jahreszeit ein Vergnügen. Die Sonne brannte ins Gnack und die Kehren nahmen kein Ende. Dafür gewannen wir schnell an Höhe und erreichten auf 2000 Metern freies Gelände. Praktischerweise stand dort eine Bank mit schönem Blick das Gschnitztal talauswärts.

Vor uns wurde der weitere Aufstieg sichtbar:

Auf den Hängen grasten ein paar Bergziegen mit Glöckchen, die uns neugierig und keineswegs scheu anstarrten.


Auf der Innsbrucker Hütte, wo wir kurz rasteten und unsere Rucksäcke im Lager ließen, herrschte ausgelassene Tanzstimmung mit der Quetschkommodn.

Ich schaute mir unterdessen das weitere Tagesprogramm an:

Endlich lichteten sich die Quellwolken und gaben den Blick auf eine der beeindruckendsten Felsmassive Tirols preis:

Nach einer (zu langen) Pause brachen wir am späten Nachmittag noch in Richtung Kalkwand auf. Sich einstellende Müdigkeit, die Höhe und ein zu niedriger Kreislauf machten sich bei mir in Form von Konzentrationsschwierigkeiten bemerkbar.


Dann begann die für mich schwierige Passage: Der Steig wich in die steile Nordflanke der Kalkwand aus.

Umkehrpunkt: Für Kletterer Nik wäre es kein Problem gewesen, weiter zu gehen. Ich kapitulierte angesichts der ausgesetzten Rinne mit schmalen Tritten ohne Seil. Rückblickend bin ich Nik dankbar, dass er mich nicht gedrängt weiterzugehen, sondern meinem Bauchgefühl nachgegeben hat.


Den gleichen Weg musste man auch wieder absteigen, mit dem Abgrund beim Bergabgehen – mit meiner damaligen Schwindelfreiheit nicht machbar (hier der weitere Wegverlauf). Heute würde ich es mir vielleicht zutrauen, aber mein Lieblingsgelände sind schrofige Steilhänge mit schmalen Steigen nach wie vor nicht.
Mit dem Wissen, dass nun keine Schwierigkeiten mehr zu erwarten waren, stieg es sich nun entspannter ab zur Hütte.



Tag 2: Habicht (3277m) und Abstieg ins Tal
Der Gipfel wird über die Südostflanke erstiegen, im unteren Bereich überwiegend über Platten und Blöcke, die bei Nässe und Vereisung gefährlich glatt sein können. Nicht zum Spaß standen dort auch ein paar Gedenktafeln herum. Bei unserem Aufstieg waren die Platten durch Tauablagerungen teilweise rutschig.
Als Zeitangabe standen sportliche drei Stunden am Wegweiser, die wir mit Fotografierpausen und v.a. meinen Erholungspausen sowie der heiklen Gletscherüberquerung deutlich überboten.

- Bereich 1: Steile, aber größtenteils versicherte Kletterei (meist I). Nach kurzen steilen Schotterkehren quert man den Rücken zu ..
- Bereich 2: – erneut Stahlseile
- Bereich 3: ausgesetzte Gratrippe, danach ausgesetzt und steilen Schuttkehren hinauf
- Bereich 4: Reste des Habichtferners, der markierte Normalweg verläuft oberhalb, danach in steilen Kehren auf die Gipfelgratrippe
- Bereich 5: ausgesetzt und in leichter Kletterei (I) auf den recht geräumigen Gipfel
Mehr als eine Nudelsuppe bekam ich am Vortag einfach nicht herunter, das Bergsteigeressen (Spaghetti Bolognese) wäre natürlich gehaltvoller gewesen. In der Stube war es ziemlich warm, entsprechend gingen die meisten bereits um acht bzw. halb neun schlafen. Wir hielten es auch nicht länger als bis neun aus. Wie es ein anderer Bergsteiger ausdrückte: „Eine warme Hütte ist schlecht, aber eine kalte Hütte noch schlechter…“
Draußen war es mittlerweile gesäßkalt geworden, die Zivilisationslichter des Gschnitztals waren bereits durch Hochnebel verdeckt, also stockdunkel draußen, mit entsprechendem schönen Blick auf den Sternenhimmel, inkl. Milchstraße. In den Zimmerlagern lag die Temperatur beim Schlafen gehen noch bei ca. 14°C. Um 6.15 klingelte der Wecker, kurz hinab in die Stube. Ich trank nur einen großen Schwarzen Tee. Hunger wollte sich noch nicht so recht einstellen. Für alle Fälle hatte ich noch eine Banane, zwei Nektarinen, eine halbe Packung Datteln sowie 1 Liter Wasser (mit Magnesium) und ein bisschen Elektrolytgetränk dabei, sowie 2 Scheiben Brot, etwas Schinkenspeck und Hartkäse (der nach dem Aufstieg schon in Richtung Streichkäse ging).
Der morgenliche Blick aus dem Fenster verlor sich im Hochnebel, dessen Obergrenze zunächst auf Höhe der Hütte lag, dann aber innerhalb Minuten anstieg und sich wieder absenkte. Zu den Gründen später. Einer der anderen Bergsteiger meinte irrtümlich zu uns, dass wohl auch der Habicht in Wolken sei, wir wussten es aber besser und wagten trotzdem den Aufstieg. Er riet uns beim Habichtferner („der zu zwei Dritteln schneebedeckt ist, das letzte Drittel ist Blankeis„) nur mit Teleskopstöcken zu queren.
Die kommenden Eindrücke stehen überwiegend im Zeichen des Hochnebels, den ich in verschiedenen Entwicklungsstadien und mit interessanten, mikroskaligen, hydrodynamischen Phänomenen fotografiert habe. Daher auch die Vielzahl der Bilder. Es war das schönste Wolkenerlebnis, das ich bisher hatte.
Nach wenigen Höhenmetern erreichten wir den Oberrand der Hochnebelschicht und waren schließlch drüber. Die Morgensonne empfing uns mit dezenten Rottönen.



Der Hochnebel floss wie ein Wasserfall über die Scharte zwischen Ilmspitze und Kalkwand. Die Hochnebelobergrenze stieg in der Folge an und füllte das Pinnistal nahtlos ins Stubaital übergehend auf.




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Die große Fernsicht zu den Südtiroler Dolomiten blieb uns an jenem Tag aufgrund der Tageszeit und des starken Dunstes verwehrt, aber hätte ich mich mit meiner damaligen Samsung DigiMax V4 ohnehin nicht einfangen können.
Das Gehgelände entlang der Schulter sollte bald enden. Bald begann die seilversicherte Passage mit leichten Kraxeleinlagen.



Der Steig verläuft etwas unterhalb des Sicherungsseils. Die Felsflanke bricht hier über 600 Meter senkrecht ab. Diese Stelle hatte mir bis zuletzt unruhige Nächte beschert. Ich grübelte, ob dem Tiefblick standhalten würde. Letztendlich hatte ich es neben ausreichend Zeit an dem Tag auch dem Hochnebel zu verdanken, dass die Höhenangst nicht so groß ausgeprägt war. Ich konnte ein paar Minuten da stehen und die Knie waren nicht zittrig. Ein schönes Gefühl, wenn man die Aussicht genießen konnte. Etwas mehr als die Hälfte des Aufstiegswegs war schon zurückgelegt.





Am wahrscheinlichsten halte ich heute thermische Unterschiede durch die unterschiedliche Erwärmung der jeweiligen Talseiten jenseits des Kamms. Hangwinde saugen Luftmassen aus dem Tal an, kältere Luft strömt nach. Der Hochnebel verliert kurzzeitig an Mächtigkeit, dadurch kann mehr Hangfläche beschienen werden, der Druck fällt, Hochnebel strömt nach und vice versa.

Der Hochnebel löste sich dann wie im Lehrbuch auf: Die Hangwindzirkulation bewirkte kompensatorisches Absinken in der Talmitte, daher löste sich der Nebel dort zuerst auf und es blieb Hangnebel zurück, der schließlich in Quellwolken überging.

Angesichts der zahlreichen Bilder des Wasserfall-Phänomens verwunderten die viereinhalb Stunden Gehzeit zum Gipfel nicht, aber wir hatten die Zeit.
Kurz vor dem Erreichen des Habichtferners wurde erstmals der Gipfel sichtbar, zuvor galt es allerdings den Gletscher zu überschreiten und den steilen Buckel vor uns aufzusteigen.



Es war so steil wie es aussah:

Im Rückblick hätten wir nicht auf den Hüttenwirt hören sollen, der gemeint hat, dass man ohne Steigeisen den Gletscher hätte queren können. Wir hielten uns an eine in den Gletscher getretene Spur. Er war wie vorhergesagt zu zwei Dritteln noch schneebedeckt, dahinter Blankeis. Mehrere Spuren führten über den Gletscher und hatten eine nurmehr dünne, plattgetretene Schneespur hinterlassen, das abrinnende Wasser gefror zu spiegelglattem Eis. Nur mit Mühe konnten wir uns Tritte in die wenigen Schneereste über dem Eis hauen und so schrittweise vorwärts kommen. Das kostete einige Minuten Zeit und mich auch ein paar Nerven. Unsere Nachfolger waren klüger, sie probierten kurz diesen Anstieg, kehrten aber um, und folgten dem Normalweg, der den Gletscher am Oberrand umging.
Ich kann mich noch erinnern, dass ich einen großen Schritt machen musste, was für den hohen Nik kein Problem war, für mich aber schon, zumal ich eine nicht allzu dehnbare Jeans trug (Funktionshosen trug ich erst danach).

Der Hochnebel löste sich nun rasch auf und ging in flache Quellbewölkung über.





Kurz vor dem Gipfel kam noch eine etwas unangenehme Querung, weil man an einer Stelle einen großen Schritt machen musste. Die Jeans war dabei mehr als hinderlich. Es lebe Funktionskleidung!

Geschafft! Ich stand auf meinem ersten 3000er und legte mit 3277m die Messlatte gleich hoch! Das Gefühl war unbeschreiblich.




Danach tat ich etwas Dummes, das glücklicherweise ohne Folgen für mich bleib, sehr wohl aber welche für die Steinbockpopulation hatte, die am Fuß des Habichts lebt. Ich öffnete das Plastiksackerl mit der Nektarine, die daraufhin wie in Zeitlupe auf den Boden des Gipfelplateaus fiel, weiterkullerte und von dort die Südflanke hinunterstürzte.
Dann zogen immer mehr flache Quellwolken (Cumulus fractus, cumulus humilis) auf, durch die einsetzende Hangthermik bedingt. Daher begannen wir um 12.00 den Abstieg, großteils im Nebel, der jedoch so viel Licht durchließ, dass man problemlos die Steinmandln und Markierungen erkennen konnte. Der Abstieg ging naturgemäß viel schneller als der Aufstieg, nur an den Kletterstellen musste ich mangels Übung langsamer als die anderen Absteigenden machen, um nach geeigneten Tritten und Griffen zu suchen. Den Abgrund hatte ich dabei nicht vor Augen – der blieb in den Wolken verborgen.
Außerdem gibt es einen Trick: Am Besten nur auf die Füße schauen, dann gewinnt/verliert man an Höhe, ohne sich der abfallenden Umgebung bewusst zu werden.
Nach zweieinhalb Stunden Abstieg erreichten wir wohlbehalten wieder die Hütte und füllten Elektrolyte auf, ehe wir nach einer halben Stunde den Weg ins Tal fortsetzten.


Nach insgesamt fünf Stunden Abstiegszeit erreichten wir unseren Ausgangspunkt bei der Bushaltestelle vor dem Gasthof Feuerstein. Damit ging eine Traumtour zu Ende.